Die vorderen Stuhlbeine lösen sich vom Boden. Bertram Batlogg klemmt die Beine unter den Tisch und kippelt wie ein Schuljunge, die Hände frei zum Gestikulieren. In der Rechten schwenkt er ein Lehrbuch, Quantenmechanik für Elektroingenieure. "Die Väter der Quantenphysik haben nicht im Traum daran gedacht, dass aus ihrer Theorie nach 50 Jahren eine 300-Milliarden-Dollar-Industrie hervorgehen würde." Computer, Handys und Satellitenfernsehen - ohne die Quantenphysik wären sie nie möglich gewesen.

Batlogg ist ein Prophet der reinen Erkenntnis. Zwanzig Jahre verbrachte er im Paradies der physikalischen Grundlagenforschung, in den amerikanischen Bell Labors. Dort hat der gebürtige Österreicher erlebt, wie eine Privatfirma basic research in großem Stil finanziert und gleichzeitig die Produktentwicklung vorantreibt. Bell-Forscher haben den Transistor und neue Laser erfunden, das Satellitenfernsehen entwickelt, die ersten Glasfasern eingesetzt. Elf "Bellianer" wurden mit dem Nobelpreis geehrt. Batlogg könnte einer der nächsten sein, sagen Fachkollegen. Vor kurzem packte Batlogg die Koffer und ging nach Zürich, wo er heute einen der begehrtesten Physikerposten Europas innehat, den Lehrstuhl für Festkörperphysik an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH). Ein Refugium für kreative Entdecker.

Doch die makellose Karriere von Bertram Batlogg ist nicht nur eine Erfolgsstory, sondern auch ein Abbild der Krise, des Rückzugs der Grundlagenforschung auf ein paar Oasen öffentlich finanzierter Wissenschaft.

Mussten sich bislang nur Geisteswissenschaftler die Frage nach dem Sinn ihres Tuns gefallen lassen, stehen nunmehr Biologen, Chemiker und Physiker unter dem Generalverdacht, Steuergeld oder Unternehmenskapital zu verschwenden, wenn ihre Forschung nicht in zwei Jahren ein Produkt auf den Markt wirft. In der Industrie ist die Grundlagenforschung vom Aussterben bedroht. Der Aktienmarkt schätzt keine Forscher, deren Erkenntnisse erst in 20 oder 30 Jahren zur Wertschöpfung beitragen. Längst steht auch die öffentlich geförderte Forschung unter Druck. Wissenschaft und Wirtschaft müssen aufeinander zugehen, fordern Politiker aller Couleur. Hubert Markl, als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Deutschlands oberster Grundlagenforscher, kommentiert: "Wo es früher altmodisch publish or perish hieß, scheint heute mitunter eher apply or die zu gelten" - anwenden oder untergehen.

"Batlogg speaking." Amerikanisch direkt meldet sich der Physikprofessor am Telefon. Keine Vorzimmerdame filtert die Anrufe. Auf dem Campus grüßt der polyglotte Österreicher mit "Grüezi" und "Uf Widrluege", und mit Journalisten aus dem Norden spricht er melodisches Hochdeutsch.

Den Namen Batlogg kennt in der Schweiz jedes Kind. Ende des 18. Jahrhunderts stellte sich Johann Josef Batlogg den napoleonischen Truppen in den Weg. Mit seinen Freiheitskämpfern verteidigte er das Schlappiner Joch gegen die französische Übermacht. So populär wie sein Urahn ist Bertram B. zwar noch nicht, aber in der Wissenschaftsszene genießt er einen ähnlichen Bekanntheitsgrad. Siebenmal in den vergangenen zwei Jahren stand sein Name auf einer Veröffentlichung in Science, drei Arbeiten publizierte er währenddessen in Nature. Andere Forscher sind froh, wenn sie in ihrem Leben wenigstens einen Aufsatz in einer der beiden Zeitschriften unterbringen können.

"Mich fasziniert das Neue", sagt der ehemalige Gebirgsjäger, "ich steige ja auch nicht 20-mal denselben Berg hinauf." In der Forschung hat er mehrere akademische Achttausender bezwungen. Gemeinsam mit seinen beiden deutschen Mitarbeitern Jan Hendrik Schön und Christian Kloc baute Batlogg bei den Bell-Labs erstmals einen elektrisch angetriebenen Laser aus Plastik. Ein paar Monate später präsentierte das Trio der verblüfften Fachwelt einen Kunststoff, der den Strom bei tiefen Temperaturen ohne Widerstand leitet. Ihr jüngster Coup kam kürzlich in die Fachpresse: Kristalle, die sich beliebig zwischen widerstandsfreiem und isolierendem Zustand hin- und herschalten lassen. Davon träumen Elektroingenieure, wenn sie über schnelle und flexiblere Elektronik nachdenken.