Man schwankt und bangt und wünscht sich nichts sehnlicher als ein richtiges Leben im falschen. Und fragt sich: Hat sie nun oder hat sie nicht? Hat sich Cristina Gallardo-Domas, die chilenische Sopranistin, die Mitte der Neunziger die Opernbühnen der Welt nach den Beobachtungen eines Kollegen in "ekstatische Zuckungen" versetzte, als Mimì, als Violetta Valéry, als Antonia, Liù, Nedda, hat sie sich nun eingemeinden, zähmen, kaufen lassen - oder nicht?

Die Stationen ihrer Karriere: Auf die Scala folgte die Met, auf die Met im Handumdrehen die Wiener Staatsoper, auf Wien bald Paris, London, München und so weiter. Nur größte, "führende", so genannte erste Häuser. Und immer wieder Mimì, Violetta, Antonia, Liù, Nedda. Auch das Aussehen der jungen Künstlerin änderte sich, passte sich - je länger, je entschlossener - dem gängigen Schönen und Begehrenswerten an. 1995 trat einem an der Bayerischen Staatsoper in Verdis Traviata noch ein rechter Körper entgegen, eine Person und Persönlichkeit, die alle Klischees des Schwindsüchtigen und ewigweiblich Hinfälligen voller Stolz Lügen strafte. Sechs Jahre später rieb man sich, in Berlin etwa, verwundert die Augen: diese Wespentaille, diese Wangenknochen!

Die Ohren freilich hörten das Vertraute, hatten es nach wie vor mit einer stupenden musikalisch-dramatischen Intelligenz zu tun, berauschten sich an Gallardo-Domas' großartiger Phrasierungskunst, an ihrem Timbre, schmerztrunken und in manchen Tönen der Mittellage durchaus dem Grenzgängerischen der Callas verwandt. Ein ergreifendes, absolut unsentimentales Rollenporträt: Leidenschaft schafft Leiden, sagt diese Kameliendame und kannte bislang (fast) keine Routine dabei.

Und jetzt das: die Arien-Platte Bel sogno (Teldec 8573-86440) mit allem, was irgend belieben könnte - von Desdemonas Ave Maria bis Sì, mi chiamano Mimì, von Donizettis Anna Bolena bis Puccinis Suor Angelica. Ein Trostpflaster auf jene Wunde, die Gallardo-Domas' missglückter Ausflug ins Aida-Fach unter Nikolaus Harnoncourt jüngst schlug? Eine schnelle Mark in schlechter Zeit?

Die Kralle des Marktes? Die Wahl des Münchner Rundfunkorchesters unter Maurizio Barbacini (nebst dem in gebührender Entfernung schmachtenden Jonas Kaufmann als Alfredo Germont) scheint nicht wirklich dazu angetan, derlei Bedenken zu zerstreuen.

Gallardo-Domas - die von der Bühne lebt und keine ausgewiesene Schallplattensängerin ist - schafft es trotzdem, versöhnt, ja begeistert erneut. Jede Koloratur ein Seufzer aus dem Seelengrund, jedes Piano ein Wunderwerk klingender Schwerelosigkeit, niemals nur artifiziell, nur hergestellt. Gerade bei Puccini, dem gern Geschmähten, just bei Schlagern des Repertoires wie O mio babbino caro ist es, als bliebe die Zeit stehen - und als lüden diese zum Sterben schönen Augenblicke zum Verweilen ein.