Da wurde jüngst also wieder der Welt-Aids-Tag gefeiert. Gefeiert?

Durchaus, nach jahrelangen erfolglosen Kampagnen war diesmal Optimismus zu spüren. Nicht dass die Seuche besiegt wäre. Im Gegenteil, mehr Menschen denn je tragen das Virus in sich. Doch offensichtlich ist das Bewusstsein für das Ausmaß der Katastrophe gewachsen. Nie wurden im Kampf gegen Aids so viele Schlachten geschlagen wie in den vergangenen Monaten. Nach der Kapitulation der Pharmakonzerne beim Patente-Prozess in Südafrika und der Gründung des Welt-Aids-Fonds im Sommer betrachten die Aktivisten vor allem den jüngsten WTO-Gipfel in Qatar als Durchbruch.

Bei dem Treffen der Welthandelsorganisation Mitte November konnten die ärmeren Ländern sich erstmals seit langem durchsetzen. Sie haben zehn Jahre mehr Zeit bekommen, um das so genannte Trips-Abkommen (Trade-related Aspects of Intellectual Property) umzusetzen, das den Umgang mit geistigem Eigentum regelt. Das heißt, sie dürfen Arzneipatente nun noch bis zum Jahr 2016 ignorieren, wenn sie die nationale Gesundheit bedroht sehen. Sie müssen dann nicht die teuren Medikamente des Nordens kaufen, sondern können auf kostengünstige Imitate ausweichen.

Lange haben die Delegierten in Qatar gestritten, ob "Probleme" als Auslöser genügen oder ob erst eine "Krise", also eine Epidemie, diagnostiziert werden muss. Die Unterhändler entschieden sich für die weichere Formulierung. Ohne die Antrax-Anschläge in den USA lässt sich das nicht erklären. Während die Amerikaner sich in Südafrika noch zum Fürsprecher geistigen Eigentums machten, dachten sie nach den ersten Milzbrandopfern selbst darüber nach, ein Arzneipatent auszuhebeln.

Unklar ist allerdings, wie in einigen Monaten das Urteil über das Vertragswerk ausfallen wird. Die Vereinbarung bedarf jetzt erst einmal der Auslegung. Weit gereiste Unterhändler ringen um Kommuniqués, die es nur in Kurzform in die Nachrichten schaffen. Später erst kann ein Heer von Experten und Juristen die Details herausarbeiten. Doch dann sind die Eilmeldungen geschrieben, und die Fernsehteams haben ihre Kameras längst eingepackt. Im Fall von Qatar beginnt gerade die Exegese.

Die Pharmamanager sind erleichtert. In ihren Albträumen sahen sie das Trips-Abkommen schon wanken. Nur ein Schutz der Patente, so argumentieren die Konzerne, garantiere den Gewinn, um künftige Forschung zu finanzieren. Ohne Patente sei daher auch Forschung nicht zu haben. Das Abkommen, das 1994 nach umständlichen Verhandlungen entstand, sichert den Unternehmen erstmals ein grenzüberschreitendes Recht am geistigen Eigentum. Für die Konzerne hätte es also schlimmer kommen können.

Die Hilfsorganisationen triumphieren, allen voran Oxfam und Ärzte ohne Grenzen. Selten ist es ihnen gelungen, für ein Anliegen so viel Aufmerksamkeit zu gewinnen, gar die Berichterstattung einer WTO-Tagung zu dominieren. Doch in den Triumph mischen sich bei den Aktivisten leise Zweifel. Keiner weiß besser als sie, dass die entscheidende Arbeit noch bevorsteht, dass vertagt wurde: die Einfuhr der so genannten Generika. Erst bis spätestens Ende 2002 soll entschieden werden, ob im Notfall neben der Herstellung auch der Import solcher Nachahmerarzneien statthaft ist.