Um ihn herum tobt der Kampf um die Zukunft des deutschen Fernsehens. Ulf Böge steht als Schiedsrichter mittendrin. Der Präsident des Bundeskartellamts in Bonn muss beurteilen, ob der amerikanische Medientycoon John Malone mit seinem Konzern Liberty alles im deutschen Fernsehmarkt zusammenkaufen darf, was für Geld zu haben ist. Oder ob Malone dem Wettbewerb zu sehr schadet. Man prüfe noch, sagt Böge. Dann schiebt er nach: "Es sind noch sehr viele Fragen offen, in denen wir erheblichen Aufklärungsbedarf sehen. Sie betreffen das Geschäftsmodell von Liberty in seinem Kern."

Selbst die schärfste Kritik klingt bei Böge unaufgeregt. Es ändert nichts daran, dass sie schon in wenigen Tagen in eine schriftliche Abmahnung münden könnte, und dann ist das formale "Nein" zu Malones Plänen nicht mehr weit.

Als der Kartellamtschef vor zwei Jahren an die Spitze der deutschen Wettbewerbshüter trat und dafür seinen Job als Leiter der Grundsatzabteilung im Bundesministerium für Wirtschaft aufgab, erwarteten die meisten, dass er nahtlos an die Arbeit seines Vorgängers Dieter Wolf anknüpfen würde. Egal, ob es um den Aufbau eines Weltkartellamtes oder einer Regulierungsbehörde für den Strommarkt ging: Solche Gedankenspiele lehnten beide ab. Der Übergang war in der Tat so nahtlos, dass ihn viele gar nicht bemerkten - auch weil der alte Chef in den Medien präsenter war als der neue.

Das ist vorbei. Mit harten Entscheidungen hat sich Böge, der Standhafte, profiliert. Das spürt nun auch John Malone. Seit Monaten versucht er auf dem deutschen Fernsehmarkt Fuß zu fassen. Er hat das TV-Kabelnetz der Deutschen Telekom in 13 Bundesländern übernommen und will noch mehr Kabel von kleineren Gesellschaften. Trotz seiner Milliarden muss er dafür bei Ulf Böge um Erlaubnis fragen. Warum? Weil Malone in einem nationalen Markt eine beherrschende Stellung anstrebt - ein Fall für die Wettbewerbshüter. Da ist es unerheblich, dass sich für die Fernsehkabel, die seit den achtziger Jahren verlegt wurden, bislang kaum jemand interessiert hat. Sie reichen in 18 Millionen Haushalte und leiten 34 analoge und zwölf digitale Fernsehkanäle zum Zuschauer. Von jeher besaß die Telekom die meisten Strippen, der Rest gehörte ein paar tausend Mittelständlern, Handwerkern und Wohnungsbaugesellschaften. Sie teilten sich mit der Telekom die Kabelgebühren der privaten Haushalte. Mehr geschah nicht.

Böge muss nun bis zum 7. Januar darüber entscheiden, ob er im Einklang mit Malone die Frist verlängert, ob er dessen Pläne genehmigt oder verbietet.

Dabei steht der Wettbewerbshüter einer kaum einzuschätzenden Entwicklung gegenüber. Die Zukunft des Fernsehens bestimmt, wer über die Kabelnetze gebietet, wer also zwischen Zuschauer und Sender sitzt: Sobald Liberty die 34 analogen TV-Kanäle in digitale verwandelt, das Netz technisch aufrüstet und den Zuschauern ein digitales Empfangsgerät in die Wohnung stellt, darf der Konzern das Fernsehen portionieren - die Mediengesetze erlauben es. Vielleicht läuft die Show Wer wird Millionär? dann nur noch gegen eine Extragebühr, oder ein Zuschauer muss den Teleshopping-Kanal NeunLive mitbezahlen, wenn er RTL schauen möchte. Das kann zwar noch Jahre dauern. Dennoch fürchten Sender, dass "Liberty die Mechanismen des deutschen Fernsehmarktes grundsätzlich ändern" kann, wie es in einem Brief von RTL an das Bundeskartellamt heißt. Es geht um Milliarden - und wer sie verdient. Es geht um Einfluss - und wer ihn verliert.

Böge und die Zeitenwende im deutschen Fernsehen: Fühlt er sich von den Medienpolitikern allein gelassen, die erst "Hurra" schrien, als ein Unternehmer ins Kabel investieren wollte, und inzwischen nach neuen Regeln rufen wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD)? "Nein", sagt er, "wir haben ja das Kartellgesetz." Kürzer hätte der 59 Jahre alte Beamte nicht ausdrücken können, wie er sich und seinen Beruf versteht.