Die so genannte K-Frage, wer wird Kanzlerkandidat der Union?, hat auf dem Parteitag der CDU ihre K-Antwort gefunden: "K wie Kabarett." Ist es wirklich so weit gekommen, dass die sportliche Fähigkeit der Delegierten, sechs Minuten lang einer Rede Angela Merkels zu applaudieren, den Ausschlag darüber gibt, wer vielleicht einmal Deutschland regieren darf? Sollen die Dortmunder Jubelfonstärken Edmund Stoibers Kanzlerfähigkeiten belegen? Eine Kandidatenkür auf der Grundlage von peinlichen Dauerovationen wäre so überzeugend wie die Klatschabstimmungen der alten ZK-Claqueure: Niemand traute sich aufzuhören.

Die Unfähigkeit der Union, nach drei Jahren Opposition eine Alternative zum amtierenden Bundeskanzler vorzustellen, folgt nicht aus dem politischen Suizid von Helmut Kohl oder aus dem Brudermord an Wolfgang Schäuble. Auch Edmund Stoibers enttäuschende Mutlosigkeit, fürwahr keine Führungstugend, erklärt das K-Dilemma nicht. Die verblüffende, aber höchst realistische Vorstellung allerdings, die Parteivorsitzende und der CSU-Chef könnten während eines weihnachtlichen Waldspaziergangs unter vier Augen ausmachen, wer Gerhard Schröder im September 2002 herausfordert, führt genau in den Kern des Problems: Es ist die Kohlsche Herrschaftstradition, politische Personalentscheidungen als Privatsache zu behandeln. Die Tradition lebt auch ohne ihn.

Angela Merkel mag ihren Ziehvater überwunden haben. Doch sie ist die Gefangene einer Parteikultur der geschlossenen Gesellschaft nebst rheinischem Klüngel, dem Erbe Adenauers. Das Parteiengesetz gebietet aber interne demokratische Organisation - das heißt offene Aussprachen, durchschaubare Prozesse der Meinungsbildung und schließlich freie Abstimmungen.

Im Labyrinth der Intrigen

Unerträglich bleibt darum die Vorstellung, ein weiteres Interview mit Angela Merkel lesen zu müssen, in dem sie auf einen mysteriösen Zeitplan verweist, demzufolge sie bis zum Jahresanfang wie eine Erlkönigin durch die Lande reist, ehe sie schließlich aus dem Dementigestrüpp tritt, um dem Volk zu sagen: "Ich bin's: Kaah, die Kandidatin."

Zwar küren die Parlamentsabgeordneten den Kanzler - doch in Wirklichkeit haben sich die Bundeswahlen unter dem Einfluss des personengebannten Fernsehens längst zur Volksentscheidung für oder gegen die Kanzleranwärter gewandelt. Die Spitzenkandidaten, nicht die Mandatsträger der Parteilisten verkörpern die Machtfrage. Das kann man beklagen - oder demokratisieren.

Sinnvoll wäre es und beiden Volksparteien angemessen, wollten sie die Positionierung von Merkel oder Stoiber einer Urabstimmung der Parteimitglieder unterwerfen. Es wäre ein Ausgang aus dem Labyrinth von langweiligen Personalintrigen, ein Ende der Kandidatur-Ziererei (Stoiber) und -Koketterie (Merkel).