Ingo Haars Buch Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der ,Volkstumskampf' im Osten (Vandenhoeck & Ruprecht

Göttingen 2000

433 S., 78,- DM) ist auch in dieser Zeitung als eine "Pionierstudie" gepriesen worden (ZEIT Nr. 40/00). Nun weist der Berliner Historiker Heinrich August Winkler in der neuesten Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (H. 4, Okt. 2001, S. 643-652) dem Autor einen kapitalen Fehler nach. Eine Rundfunkrede mit dem Titel Der deutsche Staatsgedanke von Friedrich dem Großen bis zur Gegenwart hat Hans Rothfels nicht, wie behauptet, zum Machtantritt Hitlers 1933 gehalten, sondern am 23.

Januar 1930, also noch zur Zeit der Großen Koalition unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller. Diese falsche Zuordnung sei von erheblicher Bedeutung für die Interpretation, denn für Haar verwandele sich der "konservative Vernunftrepublikaner", als den Winkler den Königsberger Historiker bezeichnet, in einen radikalen Republikgegner und "Lobredner Hitlers". Damit verbunden sei der Versuch, Rothfels als einen der geistigen Urheber für das Programm einer völkischen Neuordnung Osteuropas im Zeichen "ethnischer Säuberungen" in Anspruch zu nehmen, wie es dann von seinen Schülern Werner Conze und Theodor Schieder nach 1939 mit ausformuliert wurde. Rothfels, den die Nazis 1934 wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Lehramt vertrieben, wurde nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil einer der Gründerväter der bundesrepublikanischen Zeitgeschichtsschreibung.

Winkler wirft Haar vor, "gegen die elementarsten Grundregeln eines kritischen Umgangs mit Quellen verstoßen" zu haben. Er müsse sich "öffentlich korrigieren - und das nicht erst, wenn es zu einer zweiten Auflage seines Buches kommen sollte". Man darf gespannt sein, ob der Gescholtene dieser Aufforderung nachkommt.