Bruce Chatwin, der britische Autor, lässt am Ende seines 1988 veröffentlichten und für den Booker Prize nominierten Romans Utz einen leidenschaftlichen Porzellansammler alle seine Schätze in die Mülltonne werfen, um sie nicht einem totalitären Staat überlassen zu müssen.

Es nimmt Chatwins Buch nichts von seinem literarischen Reiz, dass die Geschichte im Leben jetzt ein anderes Ende nimmt: Die Sammlung des Romanvorbildes ist unversehrt aufgefunden und kommt am 11. Dezember zum Schätzwert von 620 000 Pfund bei Sotheby's in London zur Versteigerung.

Aufgebaut hat sie der 1895 im damaligen Mähren, 1972 in Prag gestorbene Rudolf Just, ein wohlhabender, weit gereister und hoch gebildeter Kenner deutscher und mitteleuropäischer Kunst. Seine Fayencen und Porzellane, Münzen, Mineralien, Gläser und Kunstkammerobjekte während des Zweiten Weltkrieges vor den Nazis, im Kalten Krieg dann vor den Kommunisten zu schützen war ein riskantes Spiel. Dabei hat Just immer hohe Einsätze gewagt.

Mit gestohlenem Pass floh er aus dem Naziarbeitslager Kleinstein, bei Kriegsende überredete er ein deutsches Sprengkommando, das neben seiner Prager Wohnung und den dort verborgenen Schätzen liegende Waffendepot nicht in die Luft zu jagen. Später war Just der erste tschechische Staatsbürger, dem die Schweiz die Erlaubnis erteilte, die Alpen zu überqueren. Bei dieser Gelegenheit schmuggelte er einen Teil seines Besitzes außer Landes.

Die Geschichte geriet in Vergessenheit, aber dann tauchte Mitte der achtziger Jahre, noch vor der Veröffentlichung von Utz, in Zürich eine aus Prag angereiste Dame namens Just auf, die Münzen verkaufen wollte. Auf dem Weg zu ihrem Banksafe bemerkte die Witwe einem Sotheby's-Mitarbeiter gegenüber, dass sie auch Meissener Porzellan besitze, darunter zwei Augustus-Rex-Vasen.

Dieser Hinweis blieb erstaunlicherweise liegen, bis der heutige Europadirektor für Keramik des Hauses, Sebastian Kuhn, die Spur mehr als 15 Jahre später aufnahm. Der gebürtige Schweizer, gerade mal ein Kind, als Just starb, kannte den Namen des legendären Sammlers aus dem Studium und von Veröffentlichungen der Fachzeitschrift Keramikfreunde der Schweiz.

Zwei Jahre lang dauernde Recherchen führten zu der inzwischen in Bratislava/Slowakei lebenden Schwiegertochter des Sammlers und seinem Enkel.