Premiere am Pekinger Prachtboulevard Wangfujiang: Im Schatten des glitzernden Oriental Plaza, einem vom Hongkonger Multimilliardär Li Kashing neu errichteten Geschäfts- und Einkaufszentrum, führt das Ertong-Theater, eine alte Vorzeigebühne kommunistischer Staatskunst, zum ersten Mal ein Thomas-Bernhard-Stück auf. Das Theater ist gut besucht, junge Leute in dicken Winterjacken nehmen auf den Rängen Platz. In den ersten Reihen sitzen ausländische Gelehrte, die untereinander chinesisch flüstern. Auch sie legen ihre Mäntel nicht ab. Wie in Erinnerung an die Zeiten, in denen westliches Theater in China verboten war, findet die Premiere in einem ungeheizten Saal statt.

Bisher hatte man hier allenfalls Klassiker wie Shakespeare oder Brecht sehen können. Noch heute spielen die meisten Bühnen Peking-Oper, traditionelle Dauerbrenner wie Das Teehaus oder Propagandastücke mit dem Flair der Kulturrevolution. "Das moderne nonkonformistische Theater ist ein Waisenkind der chinesischen Revolution. Sowohl Mao als auch sein Nachfolger Deng Xiaoping verwehrten ihm jede Unterstützung", erklärt die junge Pekinger Theaterregisseurin Cao Kefei den Bühnenmissstand im Land. Doch mit dieser Saison wird alles anders: "Die Bernhard-Premiere markiert einen Durchbruch für ganz China", glaubt der Germanist Ma Wentao, Professor an der angesehenen Peking-Universität. Die Aufführung der Komödie Die Macht der Gewohnheit sei "die erste Aufführung eines modernen westlichen Theaterstücks auf einer Bühne von nationaler Bedeutung". Der Pekinger Theatermacher Huang Jisu, der im letzten Herbst mit der Komödie Che Guevara den letzten großen Bühnenerfolg in der Hauptstadt feierte, bestätigt das: "Caos Inszenierung ist konsequent kritisch und avantgardistisch. Damit sorgt sie für neue Freiheiten im Theater."

Ausgerechnet der oberösterreichische Einsiedler Bernhard, der nie ein Wort über das ihm ferne China verlor, sorgt für den Konventionsbruch auf der Pekinger Bühne. "Bernhard ist ein extremer Geschichtenzerstörer", meint Cao.

"Für Kunst muss bei ihm alles zurücktreten. Er ruft jedes Mal einen Skandal hervor." Für die energische Theatermacherin ist "der deutschen Literatur düsterster Poet" damit der ideale Verbündete auf dem Weg zu einer kompromisslosen Bühnenkunst, für die es unter der Kulturhegemonie der Partei bisher keinen Platz gab.

Dagegen hat Cao es schwer, Bernhards monologlastige Stücke einem ungeschulten Publikum näher zu bringen. "Intellektuelle konnten sich hineindenken, während einige Firmenbosse den Eindruck erweckten, als wollten sie gehen", berichtet Pekings führende Tageszeitung Qingnianbao nach der Premiere. Dabei scheut die Inszenierung keine Mühen, um die antiutopische Gedankenwelt Bernhards mit der Komik der Peking-Oper und chinesischer Zirkus-Akrobatik zu vereinen. Star der Aufführung ist neben dem mal verträumten, mal böswilligen Zirkusdirektor Caribaldi, ein siebenjähriges Zirkusmädchen, das unter gröbsten Beschimpfungen des Direktors augenverdrehende Saltos zeigt. Eine Kömödie, die eine Tragödie ist.

In Caos chinesischer Version geht es vor allem um die Tragödie: Caribaldi, der einmal in seinem Leben das Forellenquintett von Schubert fehlerfrei in der Manege aufführen will, tritt als utopieverliebter, machtbesessener Herrscher auf, der seinen Zirkusleuten keine Späße gönnt - bis das Mädchen weint und dem Clown ein Strick um den Hals liegt. "Mein Zirkusdirektor ähnelt Mao", glaubt die Regisseurin, die vielen als derzeit größte Hoffnungsträgerin des chinesischen Theaters gilt. "Auch Mao hatte seine eigenen, sehr ungewöhnlichen Utopien, die er nicht verwirklichen konnte. Deshalb gab es für ihn nur den Ausweg der Gewalt, auf dem er genauso scheiterte. Jeder Chinese wird meinen Bernhard sofort verstehen." Der Germanist Ma hegt jedoch Vorbehalte gegenüber Caos Inszenierung: "Das Thema ihres Stücks ist die Macht und weniger die Gewohnheit." Für den Bernhard-Übersetzer ist die zentrale Botschaft des Dichters aber die allgemeine Existenzkrise der Menschheit. Man könne Bernhard deshalb nicht zur Kritik eines Maoismus verwenden, der heute ohnehin im Alltag keine Rolle mehr spiele.

Doch Cao bringt das Duckmäusertum ihrer Akrobaten nicht nur mit alten Zeiten in Verbindung. Wenn die Geknechteten unter Caribaldis Anleitung auf der Bühne Atemübungen praktizieren, glaubt man sie unter der Fuchtel eines modernen Sektenpredigers. "Unsere Nation ist zu sehr ans Jonglieren und Clown-Spielen gewöhnt. Schon in unserer Jugend sind Falschheit, Kompromiss, Anpassung und Selbstbetrug allgegenwärtig", schreibt Cao im Programmheft. Die Pekinger Abendzeitung Wanbao hat sie verstanden: "Caos Publikum kann sich auch dann nicht amüsieren, wenn es lachen muss", so das Blatt zur "Herausforderung Thomas Bernhard".