Wenn es die Aufgabe des engagierten Intellektuellen gewesen war, angesichts von Sachzwängen an die Erfordernisse der Moral zu erinnern, ein anderes Handeln der Politik und der Wirtschaft zu fordern, womöglich sogar die Verlangsamung ihrer Dynamik, wie soll er sich nun verhalten, wenn Krieg um höchste Werte geführt wird? Die Kraft intellektueller Einrede wuchs aus der Spannung zwischen der Notwendigkeit, hier und jetzt zu handeln, und ethischen Prinzipien, die universell zu sein beanspruchten. Aber wenn sogar die grüne Basis auf ihrem Parteitag vor der aktuellen Politik den Kotau macht, ist es offenbar kaum möglich, sich überhaupt noch von der Sogkraft des (Regierungs-)Handelns geistig zu befreien. Dann kann man nur noch Ergebenheitsadressen an den Kanzler richten, was ja inzwischen auch einige Intellektuelle tun.

Die theatralische Empörung von Günter Grass und seinen Freunden, die vor einigen Wochen bei Gerhard Schröder geladen waren, hinterließ allerdings ebenso großes Unbehagen. Die Generation Grass bezog ihre moralischen Überzeugungen aus der Kriegs- und Vernichtungsgeschichte Deutschlands. Das war lange als universell anerkannt, unstrittig, aber seit Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai, seit der Planung des Holocaust-Mahnmals und des Jüdischen Museums stiftet die Politik mit Nachdruck einen symbolischen Konsens in Hinblick auf die moralischen Verpflichtungen, die sich aus der deutschen Geschichte ergeben.

Diese Spannung ebnet sich also fortwährend ein. Die moralische Quelle sprudelt nicht mehr wie ehedem, jedenfalls bildet der aus einem Konsens der Nachkriegsgeschichte abgeleitete Standpunkt keinen festen Grund mehr, globale Konflikte des Westens mit seinen Feinden zu be- und verurteilen. Wer diesen Standpunkt dennoch einnimmt, weiß, dass er wieder den Sonderweg beschreitet - und auch einen linken Nationalismus kann man ja tatsächlich im Augenblick erstarken sehen.

Der intellektuelle Dissens beschleunigt sich. Die Moralität als Berufungsinstanz jenseits der Handlungszwänge ist in Wahrheit lange schon keine einheitliche mehr. Da hilft auch die Philosophie nicht weiter. Am vergangenen Montag erhielt Richard Rorty in Berlin den Meister-Eckard-Preis verliehen. Wenn in einer Gesellschaft ethische Kontroversen tobten, betonte er, müsse der demokratisch-politische Konsens dem intellektuell-ethischen vorausgehen. Jener genieße Vorrang vor diesem. Habe sich eine Gesellschaft in Anwendung ihrer Spielregeln über etwas geeinigt, würden auch die Prinzipien folgen.

Diese Haltung schließt moralischen Maximalismus aus, ohne auf Moral zu verzichten. Moral wäre dann nicht mehr universal, sondern begrenzt

schwächer wäre sie darum nicht. Etwas bescheidener fiele allerdings die Rolle des Intellektuellen aus. Er wäre nicht länger der strenge Bewahrer des Guten, sondern ein Experte für die praktischen Chancen der Ethik im politischen Handeln hier und jetzt.