Dass ausgerechnet ich jemals für den Turner-Preis nominiert werden würde, hätte ich mir niemals träumen lassen - ich dachte, mein Werk sei nicht konzeptuell genug.

Künstler zu werden war hingegen schon immer mein Traum. Das Erste, woran ich mich überhaupt erinnern kann, ist, wie fasziniert ich von den Spuren war, die der Zeichenstift in meinem ersten Malbuch hinterlassen hat. Als Kind habe ich immer vor den Toren unserer Grundschule gestanden und die Motorräder, Lastwagen und Autos gezeichnet, die auf der Straße vorbeifuhren.

Gut zu zeichnen war für mich eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit und Bestätigung von Lehrern zu erhalten. Das war wichtig, da mich meine Eltern sehr vernachlässigt haben. Ich bin in einem Sozialbau mit 15 Stockwerken in einem Vorort von Birmingham aufgewachsen und war mir bereits sehr früh klar darüber, dass ich da rauswollte: Mein Vater gab das Geld für Alkohol aus, meine Mutter für Zigaretten, und dann mussten auch noch die Haustiere gefüttert werden. Obendrein kamen dauernd Nachbarn vorbei, um Milch und Zucker zu schnorren. Dabei war Essen damals auch bei uns nicht gerade im Überfluss vorhanden. Die Leute in der Gegend sind völlig passiv. Der einzige Grund dafür, dass nicht längst der ganze Block vom Heroin abhängt, ist, dass bisher kein Dealer auf die Idee gekommen ist, es diesen Bewohnern anzudrehen.

Ich fand das alles sehr deprimierend und zog mich in mein Zimmer zurück, an dessen Tür ich ein Schloss angebracht hatte, um dort in Ruhe zu lernen. Wenn ich eines Tages Abitur machen würde, so meine Hoffnung, würde ich das alles hinter mir lassen können. Mein erster Versuch, mehr über die Welt draußen zu erfahren, scheiterte allerdings: Ich besuchte die örtliche Bibliothek und musste feststellen, dass die dort vorhandenen Bücher alle ziemlicher Schrott waren. Herausgerissene Seiten, auch sonst alles lieblos: Es kam mir dort vor wie in einer Gefängnisbibliothek.

Dass es Künstler gibt, wusste ich schon, nur hatte ich damals keinen Schimmer, wie sie leben - ich dachte, die malen tagsüber irgendwelche Kneipenschilder und setzen sich erst nach Feierabend an die Staffelei, um ihrer geheimnisvollen Kunst nachzugehen.

Dass man in ferne Länder reist und auch noch dafür bezahlt wird, zu Ausstellungseröffnungen nach Australien zu fliegen - das hätte ich mir niemals vorstellen können. So wie mir überhaupt noch nicht klar war, dass Fotografie eine Kunstform ist. Damals habe ich geglaubt, dass sich mit dem Medium Malerei eine größere Intensität herstellen lässt als mit der Fotografie. Deswegen habe ich mich in jener Zeit auch noch nicht mit dem Werk anderer Fotografen beschäftigt.

Nach dem Abitur - zwei Zweien, zwei Dreien und eine Vier in Kunst - habe ich dann erst einmal Naturwissenschaften studiert, um etwas Solides in der Tasche zu haben. Dann bewarb ich mich an verschiedenen Kunsthochschulen, bin aber überall abgelehnt worden. Bis auf Sunderland. In diesem Dreckskaff habe ich drei Jahre meines Lebens verschwendet. Obwohl es dort angeblich langsam wieder besser werden soll: Das ist eine Gegend, in der einem schon die Kinder Ziegelsteine hinterherschmeißen, wenn man irgendwie anders drauf ist.