Durch die Kindertagesstätte Taunuswichtel im hessischen Oberursel pfeift der Wind: Der Flachbau ist verwaist, die Türen zum Garten stehen offen. Der Modergeruch behauptet sich dennoch gegen die Frischluft. Kinder spielen hier nicht mehr, denn aus Wänden und Decken des Fertigbaus entweicht Formaldehyd.

In einigen Wänden geben große Löcher den Blick frei auf die Giftquelle: Fast der ganze Pavillon besteht aus Spanplatten. "Etwa 400 000 Fertighäuser sind formaldehydverseucht", behauptet Michael Kohler von der Schutzgemeinschaft streitbarer Fertighausbauherren. Zumeist seien es private Bauherren, die weder die Pflicht, noch einen Anspruch auf eine Sanierung haben. Viele haben teure Prozesse gegen Fertigbaufirmen verloren.

Öffentliche Gebäude aber müssen saniert werden, und so schleppen Handwerker große Metalldosen in das Zuhause der "Bärengruppe". Im Raum hängt ein feiner Farbnebel. Mit Spritzpistolen sprühen die Männer Harzlack auf die gereinigten Wände. Er soll das Reizgas am Austreten hindern. "Zwei bis drei Jahre", sagt der Malermeister, "hält das vor." Dann wird der heruntergekommene Bau ohnehin abgerissen. Doch bis dahin brauchen die Kinder ein Quartier, deshalb zahlt die Gemeinde 140 000 Mark für die Sanierung des Altbaus.

Wollvlies gegen Wohngifte

Bemerkenswert ist, dass das Atemgift nach über 30 Jahren noch immer ausgast.

Noch erstaunlicher aber, dass es erst jetzt bekannt wurde: Eine Mutter hatte sich Sorgen gemacht, weil ihr Kind immer wieder mit Kopfschmerzen nach Hause kam. Auch tränten die Augen der Kleinen häufig, und ihre Schleimhäute waren gereizt. Die Frau wollte es genau wissen. Ein Schnelltest aus der Apotheke zeigte deutlich erhöhte Werte des allergieauslösenden und möglicherweise krebserregenden Reizgases. Dann machten die Eltern Druck: Ende September rückten Spezialisten vom TÜV Süddeutschland an. Die Hoffnung der Stadtoberen auf einen Messfehler bestätigte sich nicht. Die Kita musste geschlossen werden.

Die Hersteller von Fertighäusern beteuern, das Formaldehydproblem sei längst gelöst. Neue Spanplatten seien formaldehydarm und somit unbedenklich. Doch die Verantwortlichen vom Hochbauamt in Oberursel werden vor der nächsten Bauabnahme eine Messung verlangen. Sonst könnte es ihnen wie der Stadtverwaltung im bayerischen Landsberg ergehen: Das dortige Ignaz-Kögler-Gymnasium erhielt vor knapp zwei Jahren zusätzliche Klassenräume in einem neuen Holzpavillon. Obwohl alle Innenplatten aus angeblich formaldehydarmen E1-Spanplatten bestanden, klagten Schüler und Lehrer über Beschwerden. Messungen ergaben das Doppelte der zulässigen Formaldehydkonzentration. Schließlich wurden alle Platten ausgetauscht - eine teure Komplettsanierung.