Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth hat ein Buch über die Perspektiven der CDU, vor allem aber über das System Kohl geschrieben, das er rund 30 Jahre lang aus der Nähe erlebt hat. Seit 1970, als er Bundesvorsitzender des Ringes Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) wurde, kennt der Autor den späteren Kanzler

seit ihrem gemeinsamen "Widerstand" gegen den "linken Terror" an den Hochschulen, wie sie beide jene Jahre erinnern, haben sich ihre Wege immer wieder gekreuzt. Langguth wurde danach, mit freundlicher Unterstützung Kohls, Bundestagsabgeordneter, Direktor bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Bevollmächtigter des Landes Berlin beim Bund, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland. Zu Beginn seiner politischen Karriere war er auch Mitglied im Bundesvorstand der CDU, an deren Ende Generalsekretär der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Langguth weiß also, wovon er schreibt. Aus dem teilnehmenden ist inzwischen ein kritischanalytischer Beobachter geworden. Man spürt auf jeder Seite: Er muss jetzt keine Rücksicht mehr nehmen, und das hat dem Buch gut getan. Der Leser erfährt viel über Kohls Politikstil und seine "Architektur der Macht".

Vor allem aber sind dem Autor lesenswerte Porträts von Schäuble und Merkel, Merz und Stoiber gelungen. Es ist die gute Personalkenntnis, die in Verbindung mit einer rückhaltlosen Offenheit diesem Buch einen besonderen Platz in der einschlägigen Literatur garantiert. Für künftige Historiker werden dabei besonders wichtig sein die informativen Ausführungen über jene Akteure in und hinter den Kulissen, die, in der Öffentlichkeit damals wie heute kaum bekannt, für das "Innenleben der Macht" von entscheidender Bedeutung waren: Ohne sie ist das System Kohl nicht zu verstehen.

Langguth schreibt, was viele wissen, kaum einer aber offen und öffentlich sagt, etwa über die "unheilvolle Rolle" Anton Pfeifers, der von 1991 bis 1998 Staatsminister im Kanzleramt war. Man könnte das harte Urteil des Autors aus dem Umstand erklären, dass beide, Langguth und Pfeifer, Gegenspieler waren in der Adenauer-Stiftung, würde es nicht auch von anderen bestätigt. Pfeifers Einfluss auf Kohl sei darauf zurückzuführen, dass er in Fraktion, Partei und Stiftung die Funktion eines "Oberaufpassers" innehatte: "In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war er auch deshalb bei vielen Mitgliedern regelrecht verhasst, weil er selten mit offenen Karten spielte, aber immer seine Nähe zum Kanzler auszuspielen wusste. ... Am unübersehbaren Realitätsverlust des ,späten' Kohl hatte Pfeifer einen besonders großen Anteil."

Porträts wie dieses werfen Licht in bisher eher unbekannte Ecken und Winkel der Regierung Kohl. Anderes ist hingegen auch schon von anderen gesagt oder vermutet worden: Kohl und Schäuble hätten sich seit der Einheit wechselseitig blockiert. Schäuble sei letztlich an sich selbst gescheitert und an der Tatsache, dass er ein Eckpfeiler des alten Systems gewesen und deshalb für den notwendigen Neubeginn nicht glaubwürdig gewesen sei. Die "Sphinx Angela Merkel" habe den Vorsitz der CDU "durch besondere Glücksumstände erhalten, die sie mit Kalkül zu nutzen wusste. Man kann es auch Zufall nennen."

Ansonsten konstatiert er Parallelen zu Helmut Kohl: ihren ausgeprägten Willen zur Macht, ihre Vorsicht, sich festzulegen, eine eher unverbindliche politische Sprache, die Person und Politik "hinter ihrer jeweiligen Redeweise verbergen". Dagegen schneidet der Fraktionsvorsitzende Merz überraschend positiv ab: "Seine Chance liegt im Jahre 2006, wenn er bis dahin an Erfahrung und natürlicher Autorität gewonnen hat."