Was trägt man dieses Jahr? Ein einziges Wort genügt. Alle Wege führen dorthin. Gehen Sie nicht über los. Gehen Sie direkt zum nächsten Schuhladen. Kaufen Sie Stiefel. Kaufen Sie Stiefel, bevor Sie irgendetwas anderes kaufen. Ohne Stiefel kommen Sie nicht durch den Winter.

Der Stiefel ist der Schuh der Saison. Keine Fessel soll in diesem Jahr unverpackt bleiben: Stiefel für alle mit allem. Es spielt keine Rolle, welche Sorte Stiefel bevorzugt Ihr Bein schmücken soll - Motorradstiefel, Reitstiefel, Militärstiefel, Cowboystiefel, Fuck-me-Stiefel, paillettenbesetzte Disco-Stiefel, Stiefel bis zum Oberschenkel, flache Stiefel, Stiefel mit hohen, dünnen Absätzen, Stiefel mit schweren Absätzen, Stiefeletten, Stiefel mit Spitze, Stiefel mit Schnallen - Stiefel in jeder Form, in jeder Farbe, aus jedem Material. Man trägt sie zu kurzen Röcken, langen Röcken, zum Kleid und zur Hose sowieso. Stiefel sind das wichtigste Kleidungsstück in diesem Winter.

Und das ist auch kein Wunder. Ich meine: Die Schuhe der letzten Jahre konnten ja beim besten Willen nicht mehr kleiner werden. Das, was man in den letzten Jahren unter die Fußsohlen schnürte, waren ja praktisch nur noch Materialseufzer. Der Abendschuh der letzten Jahre? Eine Sommersandale auf Absätzen. Als könnte die einen über Eis und Matsch erheben. In Ermangelung eines vernünftigen Herbst- und Winterschuhs tat man also das ganze Jahr so, als wäre Sommer. Und nun plötzlich von der Ahnung eines Schuhs zum voll verpackten Fuß, Knöchel und Bein - die Kälte kann kommen. Die Kälte soll sogar endlich kommen: Stiefel sind nicht nur warm und praktisch, sie nehmen auch dem Outfit vom letzten Jahr das Tussihafte, wie Exdesigner Wolfgang Joop erklärt. Und sie rücken eine erotische Zone ins Blickfeld, die in den letzten Jahren völlig in Vergessenheit geraten war: Stiefel betonen das freie Stück zwischen Stiefelrand und Rocksaum und lassen auf warme, glatte, ein bisschen feuchte Waden hoffen, die sich irgendwann aus dem Stiefel schälen.

Stiefel sind ein Sexsignal, das weiß man ja seit Barbarella. Jede Frau, die einmal in Reitstiefeln einkaufen ging, kennt das Phänomen: Man muss gar keine Reitpeitsche in der Hand halten, um ein bisschen plötzlicher bedient zu werden. Und je lebensgefährlicher der Absatz, desto nachhaltiger der Eindruck. Joop kennt sich da aus: Alles, was eine Frau behindert, finden Männer geil. Wenn sie da in ihren spitzen, superhohen Pythonstiefeln steht, denkt der Mann: Sie könnte darin leicht nach hinten kippen. Auf ein Bett zum Beispiel. Alles bestens.

Das ist natürlich ein Irrtum: Frauen in Stiefeln haben Stehvermögen. In Stiefeln tritt einem so leicht keiner auf die Zehen.

Es gibt in diesem Jahr sogar Stiefel für Frauen, die eigentlich keine Stiefel leiden mögen: Stiefel aus durchsichtigem Netz, in Gold oder Haut, mit Lederbändern, die direkt vom krummsäbeligen Absatz zur verletzlichen Kniekehle zu zeigen scheinen - oder Manolo Blahniks Spitzenstiefeletten, die gerade bis zum Knöchel gehen, schwarze Spitze über den nackten Fuß gezogen, eine Art Spitzen-String-Tanga für den Fuß, Lord have mercy.

Hatte man Ihnen auch diese Stiefelregeln beigebracht? Dass beispielsweise die Stiefelhöhe von der Länge der Kleidungsstücke vorgegeben sei, die der Stiefel begleiten soll? Also kniehohe Stiefel zum knielangen Rock, wadenhohe Stiefel (klassische Cowboystiefelhöhe) für weite Röcke, Stiefel, die übers Knie reichen, zum ultrakurzen Minirock und nur wenn man ein ganz bestimmtes Gewerbe ausübt, Stiefeletten zu ganz langen Röcken oder langen Hosen. Und das Material der Kleidung bestimmte die Stiefelmachart: zu tweedigen langen Röcken flache Stiefel mit vernünftigem Absatz, zu feineren, eleganteren Materialien schmale, edle Stiefelchen, die handschuhartig am Bein sitzen, mit Killerabsatz.