Statt sich in Clubs mit Gleichaltrigen zu amüsieren, steht mein kleiner Bruder neuerdings spätabends auf dem tristen Alexanderplatz und hantiert verzückt mit seinem Handy. Es ist ein erstaunliches Bild, denn um ihn herum stehen ein paar Dutzend weitere Mitglieder der @-Generation, starren eine Fassade an und spielen Pong, das erste Computerspiel aller Zeiten. Das hat der Chaos Computer Club anlässlich seines 20-jährigen Jubiläums in Form einer riesigen Dot-Matrix an die Fassade des ehemaligen Hauses des Lehrers montiert und damit bei Tausenden jugendlichen Computer-Nerds Kindheitserinnerungen geweckt. Mit ihrem Handy können sie den virtuellen Ball an der Hauswand hin und her schieben und dabei von alten Zeiten träumen. In Jahren gerechnet, ist es noch gar nicht lange her, dass sie in ihren Jugendzimmern den ersten Commodore 64 stehen hatten. Wer aber fünf bis acht Computergenerationen bewusst miterlebt hat, kommt sich vor wie Methusalem. Dieses Atari-Feeling kannst du den Kids heute mit ihren durchgestylten Megagames gar nicht mehr vermitteln, meint mein junger Bruder erhaben. Seine Augen leuchten, wenn er wie ein Kriegsveteran von den Anfängen des PC-Zeitalters schwärmt. Ich bin halt ein Nostalgiker, sagt er mit seinen 23 Jahren nicht ohne Stolz.

Und offenbar nicht nur er. Eine ganze Generation scheint sich nach der grobkörnigen Pixelästhetik ihrer ersten Mühlen zurückzusehnen. Die Installation des überdimensionalen Ping Pong in Berlin ist nur der vorläufige Höhepunkt eines breiten Revivals der kleinsten grafischen Einheit.

Grobkörnige Bilder, Schriften und Verläufe, wo man zurzeit auch hinschaut.

Ehemals waren sie nichts weiter als eine Auflösungsschwäche langsamer Heimcomputer, heute müssen sie als hypermodernes Design- und Typo-Element herhalten.

Das ließe sich ja alles noch verkraften. Aber die Nostalgiewelle geht noch weiter und fördert nicht nur die Optik, sondern sogar die nervtötenden Klangfolgen der 8-Bit-Maschinen wieder zutage. Vor kurzem ist ein Sampler erschienen, auf dem die gesamte monotone Musik der Pixelspiele zu hören ist.

Entrückt lauscht mein Bruder der stupiden Melodie von Donky Kong. Ein Gutes hat das Ganze: Ich weiß jetzt, was ich ihm zu Weihnachten schenke: Ein Set Bettwäsche mit PacMan-Motiv, zu bestellen unter www.atariage.com. Das wird das schönste Geschenk seines Lebens.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD