Als der Mitbegründer des Kursbuchs, Karl Markus Michel, im Sommer erfuhr, dass er an Krebs erkrankt sei, setzte er sein Leben fort, ohne innezuhalten.

Es war seine Arbeit. In den wenigen Monaten, die ihm blieben, konzipierte er die nächsten Ausgaben dieser eigentümlichen enzyklopädischen Zeitschrift für aufgeklärte Agnostiker und solche, die es nicht mehr sein wollen. Das Kursbuch ist ein Schrift gewordenes Geistprodukt, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, ein über Jahrzehnte währendes Selbstgespräch Michels in den vielen Stimmlagen seiner Autoren. Er selbst stellte sich vor, für höchstens "sechs oder sieben Leser" zu arbeiten. Es wurden mit jedem Kursbuch aber mehr als 10 000, manchmal gar 50 000. Jedes Heft schien ein kleines Denkmal der Ironie: Würden alle Abonnenten ihr Leben so einrichten wie Michel, der eine Bibliothek europäischer und asiatischer Sinnsucher im Kopfe trug, wäre das Kursbuch überflüssig. Doch er wollte kein Vorbild sein und führte das Leben eines Dandys der Unauffälligkeit. Das letzte Heft, das seine kalligrafische Herausgeberhandschrift führt, ist vielleicht deshalb Vorbildern gewidmet.

Christoph Ransmayr, Hans Magnus Enzensberger, Tilman Spengler und Ingrid Karsunke erinnern in kurzen Essays an Michel. Zusammen mit seiner Frau Eva Moldenhauer hatte er vor mehr als dreißig Jahren Hegels Gesamtwerk herausgegeben. Das war eine verlegerische und editorische Leistung, deren Folgen für das hiesige Geistesleben unabschätzbar bleiben. Die Beiträger beschreiben den geduldigen Zuhörer, Anreger und Skeptiker, den Redakteur Michel, der den Ruhm und das laute Wort scheute und dessen Reiselust sich beschränkte auf Ausflüge in die versunkene Welt der Patristik. Seine Autoren bewunderten ihn. Anders als Robert Musils Mann ohne Eigenschaften wollte er nie "ein bedeutender Mensch werden" - aber genau wie dieser hätte er auch gar nicht gewusst, "wie man einer wird, noch was ein bedeutender Mensch ist".

Dass es sie aber gibt oder dass wir uns nach ihnen sehnen, und warum und wie wir das tun, von inbrünstiger Heldenverehrung bis hin zur Verfallsform der Pop-Idolisierung - davon erzählen dieses Kursbuch und seine Autoren: Von Martin Warnke über Norbert Miller, Silvia Bovenschen, Claudia Schmölders bis zu Otto Kallscheuer. Sie alle sind, horribile dictu, Bildungsbürger, also kluge Repräsentanten jener "gebildeten Stände", die es angeblich nicht mehr gibt, für deren Rettung aber das Kursbuch auch dann sorgte, als es vor langer, langer Zeit noch für ihre Abschaffung plädierte. Sie werden ihm treu bleiben müssen.

"Vorbilder", Kursbuch, Heft 146 Rowohlt Berlin, Dezember 2001 18,- DM