Von brennend scharfem Geiste

Zwei deutsche Dichterleben, zwei neue Biografien: Jörg Aufenanger über Grabbe, Willi Jasper über Lessing von Rolf-Bernhard Essig

Zu den "Schreckensmännern", mit denen Arno Schmidt Deutschland reich gesegnet sah, gehört auch der Dramatiker Christian Dietrich Grabbe, der vor zweihundert Jahren geboren wurde: "Brennend scharfen Geistes übervoll - und dieser, da auf einem bösen Boden gepflanzt, nichts weniger als angenehm."

Grabbe wütete unter der Personnage seiner leichenreichen Dramen mit gleicher Leidenschaft wie gegen seine Familie, seine Freunde, seine Förderer, sein Glück, seinen Erfolg, kurz: gegen sich selbst.

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Zu allem Überfluss fühlte sich Grabbe wie viele Zeitgenossen als Epigone in des Begriffes schillernder, neuer Bedeutung. Die "Ästhetik der Epigonalität" - die klagende, bewahrende, vollendende, reflexive - untersuchte gerade Burkhard Meyer-Sickendiek bei Immermann, Keller, Stifter, Nietzsche sie lässt sich ebenso bei Grabbe finden. In seinen Dramen spielt die übermächtige Tradition eines Shakespeare, eines Schiller oder Goethe eine Hauptrolle, am deutlichsten in seiner Engführung der prominentesten europäischen Figuren "Don Juan und Faust". Gegen die Tradition versuchte sich Grabbe zu behaupten, sie versucht er zu überbieten, in sie will er sich einschreiben - mit aller Macht.

Da bleibt Verkrampftes nicht aus, unfreiwillig Komisches, Chaotisches er selbst schreibt von "Grabbage". Was er aber in seinem genialen Drama Napoleon oder die hundert Tage auf die Bühne bringt, begeisterte und inspirierte Wedekind, Hauptmann, Brecht. Die avancierte Dramaturgie, die Massenszenen packten sie, vor allem aber Grabbes erbarmungsloser Antiidealismus, die Reduktion der "Weltgeschichte" auf das "Weltgeschehen", sein moderner Fatalismus: "Auch an die Hölle kann man sich gewöhnen."

Es fällt leicht, dies unglückliche Leben, das 1801 in der kleinstädtischen Enge Detmolds im dortigen Gefängnis begann - Grabbe war Sohn des Zuchtmeisters - und 34 Jahre später ebendort im grotesken Ehekrieg endete, als Urgrund dieser Weltanschauung zu sehen. Grabbe selbst neigt der Deutung zu, es seien Armut, Unverständnis, Konventionen und eine schlimme Ehe gewesen, die seinen Ruhm als Dichter verhindert hätten.

Als wichtigere Gründe hätte wohl der 72 Jahre zuvor geborene Gotthold Ephraim Lessing mangelnde Selbsterkenntnis und Spielfreude sowie das Geniehafte genannt. Ihm waren schon die Stürmer und Dränger suspekt, ihr präpotentes Auftreten, das Ausschlachten des Privaten und Biografischen. Er selbst bewies Selbstironie schon mit 17 in seinem hellsichtigen Lustspiel vom Jungen Gelehrten. Ein glücklicher Wurf wie so mancher in seinem Leben. Lessing hält sich bis heute auf dem Spielplan mit der fast unverwüstlichen Minna von Barnhelm, der vielfach missverstandenen Emilia Galotti und dem notorisch unterschätzten Nathan dem Weisen.

Die Nachwelt erinnert sich seiner als des ersten modernen Literaturkritikers, als eines genialen Polemikers, als eines Streiters für Toleranz und freies Denken. Doch nie fehlte es an - typisch deutschen - Einwänden: Er sei kein Dichter, seine Literatur zu konstruiert, sein Streit gegen theologische Orthodoxie und fatale Philologen in eitlen Selbstzweck ausgeartet.

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