Die List der Vernunft geht manchmal seltsame Umwege. Da hatten die Fundamentalkritiker der Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944 nichts unversucht gelassen, um das Unternehmen zu Fall zu bringen, und als Institutsleiter Jan Philipp Reemtsma die Dokumentation vor zwei Jahren zurückzog, wähnten sie sich am Ziel. Doch nun zeigt sich, dass sie einen Pyrrhussieg errungen haben, denn die zweite Wehrmachtsausstellung, die in der vergangenen Woche in Berlin ihre Pforten öffnete, ist so angelegt, dass sie selbst den verbohrtesten Verteidiger der Wehrmacht (von jeder Einsicht unzugänglichen Neonazis, wie sie am Wochenende aufmarschierten, einmal abgesehen) buchstäblich entwaffnet.

Die Grundaussage ist geblieben: Die Wehrmacht hat sich an Verbrechen beteiligt, in denen - wie es auf der Einführungstafel heißt - "die Dimensionen eines in seiner Gewaltdynamik beispiellosen Vernichtungskrieges zum Ausdruck kommen". Ansonsten aber zeigt das, was über drei Etagen im neuen Berliner Kulturzentrum Kunst-Werke präsentiert wird, mit der alten Ausstellung kaum noch Ähnlichkeit. Zunächst stößt der Besucher auf zwei weit in den Raum hineinragende Stellwände: Auf der einen wird das damals geltende Kriegs- und Völkerrecht dokumentiert, auf der anderen die verbrecherischen Befehle der Generalität vom Mai und Juni 1941, die bereits vor Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion die völkerrechtlichen Regelungen außer Kraft setzten.

Damit sind die Rahmenbedingungen fixiert: Nicht mehr nach Großschauplätzen (Serbien, Weißrussland, der Weg der 6. Armee) gliedert sich die neue Ausstellung, sondern nach thematischen Fragen. Neben dem Völkermord an den sowjetischen Juden, den Exzessen des "Partisanenkriegs", den Repressalien und Geiselerschießungen werden Aspekte einbezogen, die in der ersten Ausstellung noch weitgehend ausgespart waren: das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, der "Ernährungskrieg", also die wirtschaftliche Ausplünderung der besetzten Gebiete, und schließlich die Deportation von Zwangsarbeitern. Unverkennbar nimmt die zweite Ausstellung hier neuere Forschungsergebnisse auf, und sie bestätigt eindrucksvoll den Befund: Je genauer man hinsieht, desto düsterer wird das Bild.

Diese Erkenntnis erschließt sich freilich nur dem, der viel Zeit mitbringt.

Denn die neue Ausstellung setzt nicht mehr auf die Suggestivkraft der Bilder, sondern auf die aufklärerische Wirkung der Texte. In jeder Abteilung kann man sich zunächst in "Sitzvitrinen" über Kopfhörer und durch Lektüre mit Schlüsselinformationen vertraut machen. Die Stellwände zeigen dann exemplarisch ausgewählte Tatorte. Auch hier überwiegt der Anteil der Dokumente, ergänzt um Täteraussagen in Nachkriegsprozessen, die über Monitore abgerufen werden können. Fotos sind eher rar. Wo es die geringsten Unsicherheiten der Überlieferung gibt, wird dies ausdrücklich vermerkt. Der behutsame, methodisch reflektierte Umgang mit dem Bildmaterial - vorbildlich vorgeführt am Beispiel der umstrittenen Tarnopol-Serie - ist die wichtigste Konsequenz, die die neue Ausstellung aus dem Scheitern der alten gezogen hat.

Auch sonst hat das junge Ausstellungsteam um Ulrike Jureit aus den Fehlern gelernt. Der anklägerische Gestus ist verschwunden

auf plakative Stilmittel wird ganz verzichtet. Der Eindruck strenger, fast unterkühlter Sachlichkeit wird durch das Ausstellungsdesign unterstrichen: Alles ist, wie in einem Forschungslabor, in weißer Farbe gehalten - die Stellwände, die Vitrinen, die aufgereihten Holzstühle. Nichts soll vom konzentrierten Lesen und Betrachten ablenken.