Ob er lebend wiederkommen würde, das wusste er nicht, als er aufbrach im winterlichen Grimma bei Leipzig. Aber er hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Sizilien zu wandern, um dort ein paar frische Weintrauben und Apfelsinen zu essen und dabei in den Idyllen des Theokrit zu lesen. Das sei nun einmal seine Grille, beharrte der kleine Mann mit dem großen Knotenstock, schulterte seinen fellüberzogenen Tornister und ging los. So begann am Morgen des 6.

Dezember 1801, heute vor 200 Jahren, der Spaziergang des Johann Gottfried Seume nach Syrakus daraus sollte die außergewöhnlichste und lesenswerteste Italienreise der deutschen Literatur werden.

Begleitet wird Seume, damals 38 Jahre alt und bis dato als Verlagskorrektor in Lohn und Brot, anfänglich von Veit Hans Schnorr von Carolsfeld, einem befreundeten Zeichner und Maler. In Dresden erhalten sie von Metternich ihre Reisepässe und wandern über Prag nach Wien, wo man Seumes Gepäck sorgfältig visitiert, weil man fürchtet, dieser etwas verwegen aussehende Mann könne revolutionäre Schriften in die Kaiserstadt schmuggeln. In Wien verlässt Schnorr der Mut weiterzugehen, und so bricht Seume am 6. Januar 1802 alleine auf nach Graz, stapft unverdrossen durch den höher werdenden Schnee, lässt sich weder von hungrigen Wölfen noch von sackgroben Gastwirten schrecken, erklimmt mit Eiszapfen im Bart die Alpen und tornistert durch allmählich wärmer werdende Gefilde nach Triest, wo er Quartier nimmt in ebendem Gasthof, in dem 1768 der Kunstphilosoph Johann Joachim Winckelmann ermordet worden war. Erstmals in Bedrängnis gerät Seume in Venedig, wo ihm zwei Dirnen auf dem Markusplatz so geschickt um den Bart gehen, dass er laut auf Russisch fluchen muss, um sich dieser öffentlichen Zudringlichkeit zu erwehren.

Dass Seume ganz andere Ziele im Sinn hat als die übrigen Italienreisenden, wird deutlich am 2. März 1802. "Wider meine Absicht bin ich jetzt in Rom", notiert er an dem Ort, der für Goethe und Moritz, Herder und Lessing das Ziel ihrer Wünsche war. Nur vier Tage verweilt er in der "größten Ruine der Welt", dann stiefelt er weiter nach Neapel, besteigt ein Paketboot und nimmt Kurs auf Sizilien.

Seume will nicht, wie all die bildungsbeflissenen Kavaliere und Gelehrten, die vor ihm durch Italien kutschierten und mehr Museen als Menschen kennen lernten, die edle Einfalt, stille Größe der omnipräsenten Vergangenheit bewundern, sondern will das Land selbst in Augenschein nehmen. Will sich sein Italien erwandern, denn: "Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Ich bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann niemand mehr fest und rein ins Angesicht sehen. Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft." Mit freiem Blick mustert er das menschliche Elend in dieser paradiesischen Natur, für das er mit republikanischer Klarsicht Klerus und Adel verantwortlich macht: "Ich blickte fluchend um mich her über den reichen Boden, und hätte in diesem Augenblicke alle sizilischen Barone und Äbte mit den Ministern an ihrer Spitze ohne Barmherzigkeit vor die Kartätsche stellen können."

Seume durchstreift Sizilien auf Mauleseltriften, erklimmt den Kraterrand des Ätna, wird erwartungsgemäß von Wegelagerern überfallen, geht dann über Rom, Florenz und Mailand Richtung Gotthardt, durchquert die Schweiz und rasselt mit Extrapost nach Paris, wo man den Jahrestag der großen Revolution feiert.

Sein Augenmerk gilt dem Emporkömmling Napoleon, den er zunächst noch für Tatkraft und militärische Fortune bewundert hatte, jetzt aber als künftigen Diktator zu durchschauen und zu verabscheuen beginnt.