Thea Dorn, 31, lebt in Berlin, schreibt Kriminalromane, Theaterstücke und Drehbücher. Für ihren Roman "Die Hirnkönigin" erhielt sie den Deutschen Krimipreis und das Etikett "Deutschlands brutalste Schreiberin". Ihr Theaterdebüt gab sie mit dem Stück "Marleni" (2000). Zurzeit zeigt das Staatstheater Hannover "Nike", die Geschichte einer Serienmörderin.

Bevor ich eingeschult wurde, suchte ich mir jeden Tag aus einer großen Kiste mit Stoffen und Kostümen heraus, was ich anziehen wollte. Meine Eltern fanden es in Ordnung, wenn ich tagelang nur einen Vorhang anhatte - es war eben eine Toga. Für mich war es deshalb ein großes Drama, als ich in die Schule kam. Jetzt musste ich jeden Tag normale Kleider anziehen. Später bin ich ganz gerne zur Schule gegangen. Ich war auf dem Lessing-Gymnasium in Frankfurt. Das war gut zu ertragen, wir hatten drei Orchester, einen Chor und mehrere Theatergruppen. Einmal haben wir Goethes Faust aufgeführt. Ich war das Gretchen; dabei wollte ich eigentlich den Mephisto spielen. Aber die Lehrerin, eine etwas schlichte Dame, fand, dass ich so eine "lyrische Ausstrahlung" hätte.

Deutsch war mein Lieblingsfach, obwohl die verschiedenen Lehrer uns jahrelang mit Gottfried Keller quälten. Das ist immer noch mein Hassautor. Ein etwas älterer halbpolnischer Deutschlehrer erzählte uns immer wieder, dass das Käthchen von Heilbronn auf Polnisch Katatschinka Nasdapumpi oder so ähnlich heißt. Das ist jetzt fast 15 Jahre her, aber jedes Mal, wenn ich auf einem Theaterspielplan Käthchen von Heilbronn lese, denke ich an Dr. Wenzlitschke und Katatschinka Nasdapumpi. Es ist schon erstaunlich, was so hängen bleibt aus der Schulzeit.

Meine Abiturfächer waren Musik, Französisch, Mathe und Gesellschaftskunde. Im Mündlichen ließ ich mich todesmutig über Adorno und Horkheimer prüfen. Ich fand es sehr cool, mit 18 auf der Terrasse zu sitzen und die Negative Dialektik zu lesen. Ich habe nichts kapiert, war aber wahnsinnig stolz auf mich.

Meine große Leidenschaft war die Musik, ich wollte Sängerin werden. Der Musiklehrer hatte mir den Schlüssel für die Aula gegeben, damit ich dort üben konnte. In Freistunden stand ich alleine in der kalten Aula und schmetterte Verdi-Arien. Leider waren meine Eltern strikt gegen das Singen. Deshalb nahm ich heimlich Gesangsunterricht. Als mein Sparbuch geplündert war, weihte ich meinen Vater ein, er hat mich dann heimlich finanziert. Vor meiner Mutter haben wir das zwei Jahre verborgen gehalten. Dabei war sie es, die meine Leidenschaft geweckt hatte. Als Zwölfjährige hatte sie mich mit in die Oper genommen, es gab Ein Maskenball von Verdi. Das traf mich wie ein Blitz - ich wusste: Das ist es! Danach bin ich zwei-, dreimal in der Woche in die Oper gegangen.

Die Gesangsausbildung ist dann leider gescheitert. Einerseits, weil ich permanent Stimmprobleme hatte. Andererseits, weil ich mich nur für die hochdramatischen Rollen interessierte. Aber meine Lehrer fanden, dass meine Stimme eher für das leichtere Fach geeignet sei, Mozart-Soubrette oder so. Das ist ziemlich tragisch, wenn man die Brünnhilde singen will und bei Mozarts Kammerkätzchen landet.

Deshalb habe ich dann auch mein Philosophiestudium ernsthafter betrieben. Die ersten drei, vier Semester waren grauenvoll, ich habe nur Bahnhof kapiert; um einen Text zu begreifen, musst du die Zusammenhänge mit anderen Texten kennen, aber um die Zusammenhänge zu kennen, musst du mit einzelnen Texten anfangen, der berühmte hermeneutische Zirkel eben. Als ich langsam anfing, in diesen Zirkel einzusteigen, verschaffte mir das Philosophiestudium eine gewisse Befriedigung. In Berlin hatte ich an der Uni eine Tutorenstelle, das brachte mit sich, dass ich sehr viel kopieren musste. In dem Kopierraum waren auch die Postfächer. Sechs Stunden in der Woche stand ich vor diesen hässlichen braunen Kästen, der Kopierer machte sssssst sssssst - da sind meine Gedanken gewandert ...