M E D I Z I N Aufklärung ohne Konsequenz

Der Fälschungsskandal um den Krebsmediziner Roland Mertelsmann ist verjährt

Kenner der Szene sind empört. "Die ganze Welt der Kliniker beruht auf Scheinheiligkeit", sagt einer. "Das ist die Kultur der legalisierten Lüge", schimpft ein anderer. "Da herrscht ein kolossaler Nebel", sagt ein Dritter, "alles wird vertuscht und heruntergespielt." Was die Wissenschaftler - die alle anonym bleiben wollen - so wütend macht, sind die Konsequenzen des größten deutschen Fälschungsskandals: Die sind nämlich weitgehend inexistent.

Jüngstes Beispiel ist das Schicksal des Freiburger Krebsmediziners und einstigen Gentherapie-Stars Roland Mertelsmann. Seit langem steht er im Verdacht der Fälschung wissenschaftlicher Publikationen (ZEIT Nr. 28/00). Nach mehrjährigen Untersuchungen attestierte ihm im Februar eine Kommission unter Leitung des Strafrechtlers Albin Eser "schwere Versäumnisse", "Leichtfertigkeit", "grob fahrlässige Verletzung von Regeln guter wissenschaftlicher Praxis" und "fehlende Glaubwürdigkeit". Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sperrte Mertelsmann daraufhin für insgesamt fünf Jahre als Antragsteller für Forschungsmittel; der Vorstand der Freiburger Universitätsklinik forderte ihren Chefarzt auf, "keine Funktion mehr in der patientenbezogenen klinischen Forschung" wahrzunehmen, und der Rektor der Universität empfahl gar - einzigartig in Deutschland - dem Stuttgarter Wissenschaftsministerium, ein Disziplinarverfahren gegen Mertelsmann einzuleiten.

Doch Konsequenzen muss der Onkologe offenbar nicht befürchten. "Wir haben die Vorgänge geprüft. Dabei hat sich ergeben, dass kein disziplinarrechtlich relevanter Vorwurf erhoben werden kann", teilte das Wissenschaftsministerium in Stuttgart vergangene Woche mit. Grund: Mertelsmann sei keine vorsätzliche Fälschung nachzuweisen. Für schwächere Strafen dagegen - ein Verweis oder Gehaltskürzungen - gilt eine Verjährungsfrist, die mittlerweile überschritten sei. Roland Mertelsmann sitzt also so fest im Sattel wie eh und je: Er bleibt nicht nur Ärztlicher Direktor seiner Abteilung für Hämatologie und Onkologie, sondern wurde 1998 - einstimmig - von seinen Chefarztkollegen sogar für vier Jahre zum Geschäftsführenden Direktor der Medizinischen Klinik bestimmt.

Dabei liefen schon 1997 Ermittlungen diverser Kommissionen und disziplinarrechtliche Prüfungen gegen Mitglieder seiner Abteilung. Zunächst war Mertelmanns ehemaliger Mitarbeiter Friedhelm Herrmann in Verdacht geraten. Von 347 Publikationen Herrmanns wurden 94 als "konkret fälschungsverdächtig" oder "eindeutig fälschungsbehaftet" überführt. Der ehemals gefeierte Krebsmediziner musste seine Ämter niederlegen - heute praktiziert er privat in München.

Keiner übernimmt Verantwortung

Kein Wunder, dass auch sein Ziehvater Mertelsmann in Verdacht geriet. Schließlich hatte sich Herrmann 1986 bei ihm habilitiert und später mit ihm in Freiburg den Grundstock für ihre Gentherapieforschung gelegt. Als "unglaublich kreativen und genialen Wissenschaftler" hatte Mertelsmann seinen Oberarzt damals gelobt. 131 Arbeiten veröffentlichten die beiden gemeinsam - 51 davon enthielten geschönte Daten, erfundene Tabellen oder frisierte Abbildungen. Beide streiten jegliche Fälschungsbeteiligung ab: Herrmann schob die Fehler auf seine Exmitarbeiterin Marion Brach, Mertelsmann verwies auf Herrmann.

Doch bald gerieten auch Arbeiten in die Kritik, die der Chefarzt mit anderen veröffentlicht hatte. Die Untersuchung unter Leitung des Zellbiologen Ulf Rapp ergab: Von fünf zufällig ausgesuchten Publikationen Mertelsmanns war "keine völlig frei von Unregelmäßigkeiten". In zwei der Studien aus den Jahren 1994 und 1995 wurden besonders "gravierende Regelwidrigkeiten" festgestellt - in Planung, Durchführung und Dokumentation der Studien. Eine direkte Mitwisserschaft Mertelsmanns konnte auch diese Kommission nicht nachweisen, hielt es aber "für nur schwer nachvollziehbar", dass der Chefarzt von den Unregelmäßigkeiten nie etwas bemerkt haben wollte. Dass dabei "wild gewordene Forschungsdetektive" über das Ziel hinausgeschossen seien, wie Kritiker meinen, kann man kaum behaupten. Selbst die eher konservative Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie kritisierte "schwerwiegende Fehler" in Mertelsmanns Arbeiten, dadurch sei "dem Fach der Hämatologie und Onkologie erheblicher Schaden zugefügt worden".

Allerdings konnte niemand Mertelsmann eine direkte Beteiligung nachweisen. Wie auch? Ein öffentliches Schuldeingeständnis wird der Krebsmediziner nie abgeben. Der in Freiburg mit der Aufklärung betraute Albin Eser, Direktor des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht, wurde dennoch deutlich, kritisierte "Betriebsblindheit" und "Verantwortungsmangel". Der Jurist warf Mertelsmann vor, nicht aktiv zur Aufklärung der Vorwürfe beigetragen zu haben. "Herr Mertelsmann lässt sich immer alles erst nachweisen, bevor er etwas zugibt. Als Wissenschaftler hätte er anders handeln müssen", sagte Eser seinerzeit.

Auch der neue baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg hält Mertelsmanns Versäumnisse für "durchaus problematisch". Anfang Dezember bestellte er den Krebsmediziner nach Stuttgart zu einem "persönlichen Gespräch". Das war's auch schon. "Eine juristische Ahndung war aufgrund der Rechtslage nicht möglich", heißt es nun aus dem Ministerium. Albin Eser hält diesen Ausgang des Verfahrens für heikel: "Wir waren in der Kommission davon ausgegangen, dass dieses Fehlverhalten nicht nur juristische, sondern auch forschungsethische Seiten hat. Diese Verantwortlichkeiten wollten wir aufzeigen." Doch bei den Betroffenen und bei denen, die Konsequenzen hätten ziehen können, "wurde der forschungsethische Aspekt aus dem Blickfeld verloren", kritisiert er äußerst zurückhaltend. In der Öffentlichkeit könne dadurch ein fataler Eindruck von Folgenlosigkeit entstehen.

In der Tat. Der Fall Mertelsmann wird zu einem Lehrstück, wie Selbst- und Fremdkontrolle der Wissenschaft in Deutschland versagt haben. Von den viel gerühmten "Selbstreinigungskräften" der Forschung fehlt jede Spur. Hätte es Mertelsmann nicht gut angestanden, wenigstens auf den Direktorenposten der Klinik zu verzichten?

Der Vorstand des Freiburger Uniklinikums, Hermann Frommhold, spielt die Sache herunter: "Was die Eser-Kommission in diesem Jahr herausgefunden hat, bezieht sich nur auf die Wissenschaft. Mertelsmanns Position in der Klinik hat hingegen mit ärztlicher Tätigkeit zu tun. Da wirft ihm ja keiner was vor. Im Gegenteil: Hier hat sich Mertelsmann sogar sein vorbildliches Qualitätsmanagement zertifizieren lassen." Stempel drauf und alles wieder gut? Bei Mertelsmanns Arbeiten, in denen "gravierende Unregelmäßigkeiten" festgestellt wurden, handelt es sich um Studien mit Krebspatienten. Die "schweren Versäumnisse" beziehen sich auf die Aufklärung der Patienten und die Dokumentation der Behandlungsversuche.

Für Aufklärer Ulf Rapp ist es "eine Katastrophe", dass die Affäre "derart ohne signifikante Konsequenzen verlaufen ist". Man müsse sich überlegen, "ob da nicht etwas im juristischen Arsenal fehlt". Rapp schlägt eine unabhängige nationale Kommission vor, die bei jedem Forscher unangekündigt Stichproben seiner Arbeit untersuchen und auch Sanktionen verhängen dürfe. Ein solches Office of Research Integrity hat in den Vereinigten Staaten allerdings wenig Erfolg gehabt. Und ob in Deutschland der Wille zur Einrichtung eines derartigen Gremiums vorhanden ist, ist mehr als fraglich.

Der Bericht der Eser-Kommission endete mit dem Satz: "Daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, ist die Aufgabe der dafür zuständigen Organe." Sie bleiben nun untätig. Wie sagte doch Roland Mertelsmann, als er noch nicht in Verdacht geraten war? "Betrug in der Wissenschaft hat es immer gegeben und wird es immer geben."

Werner Bartens ist Redakteur der "Badischen Zeitung" in Freiburg.

Roland Mertelsmann steht im Zentrum des größten deutschen Forschungsskandals. Der Krebsforscher ist Koautor mehrerer Dutzend Publikationen mit falschen Daten oder Grafiken

 
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