S C H U L S T U D I E P I S A Organisierte Verantwortungslosigkeit
Was folgt nach dem Pisa-Schock? Die nordrhein-westfälische Kultusministerin Gabriele Behler und der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Peter Heesen, über reformresistente Schulen und ängstliche Lehrer
die zeit: Keine alten Rechnungen begleichen, warnen alle nach dem Pisa-Schock. Wir fragen dennoch: Wo hat die Politik versagt, Frau Behler?
Gabriele Behler: Die Debatte erstarrte in Ritualen, und folglich redet man über Bildungspolitk mit unglaublich viel Unbildung. Alle glauben, kompetent zu sein, schließlich ist jeder einmal zur Schule gegangen. Deshalb weiß jeder stets, dass andere die Schuld tragen, wenn etwas mit der Schule schief läuft. Das hat in Deutschland zu einem Abschieben von Verantwortung geführt: von den Lehrern auf die Eltern, von den Eltern auf die Schule, von der Schule auf die Schulaufsicht, von der Schulaufsicht auf das Ministerium. Und letztlich wird die Ministerin verantwortlich für das Ergebnis einzelner Klassenarbeiten. Das ganze System ist geprägt von einer organisierten Unverantwortlichkeit, in der sich jeder hinter dem anderen verstecken kann.
zeit: Hinter wem versteckt sich die Politik?
Behler: Die Parteien haben sich ebenso in den Gräben verschanzt und völlig fruchtlose Debatten um Prinzipien und Politikrichtlinien geführt, in denen sich jede Seite nur selbst bestätigte. Da stritten Politiker im Düsseldorfer Landtag zum Beispiel über sexualkundliche Inhalte in Schulbüchern oder die Frage, ob man Pu der Bär für ein Diktat verwenden darf. Die eigentlich wichtigen Fragen haben auch die Parteien lange Zeit ignoriert. Das hat Pisa jetzt gezeigt.
zeit: Andere Länder waren da weiter.
Behler: Wir haben uns in Deutschland lange Zeit völlig von den internationalen Debatten abgekoppelt. Fragen, welche Unterrichtskonzepte wirksam sind, wie man Schulqualität messen und verbessern kann, haben bei uns keine oder nur eine sehr theoretische Rolle gespielt. Dadurch hat Deutschland den Anschluss verpasst.
zeit: Herr Heesen, ein Mea Culpa Ihrerseits?
Peter Heesen: Auch die Lehrergewerkschaften haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Bildung war stets ein parteipolitisches Thema, und da haben sich auch die Lehrerorganisationen auf die eine oder andere politische Seite geschlagen. Diese fruchtlosen Diskussionen haben einen Negativeffekt gehabt für die gesamte Bildungsdebatte:Wir Deutsche haben den Unterricht aus den Augen verloren und uns entfernt vom Leistungsgedanken. Stattdessen haben wir uns stets gefragt, ob Schule Kinder und Jugendliche überfordert.
zeit: Ist die Frage so falsch?
Heesen: Lernen und Leistung in der Schule sind in Deutschland negativ besetzt. Meine Frau leitet einen Kindergarten. Wenn sie Eltern sagt, ihr Kind sei schulreif, dann antworten sie häufig: "Wir warten noch ein Jahr. Wir wollen das arme Kind keinem Stress aussetzen." Dahinter steht auch die Theorie vom Kind als Kunstwerk, das möglichst lange behütet werden muss vor der bösen Schule, die nur Stress macht. Dass Leistung Spaß machen kann, scheint uns nur im Sport einleuchtend, in der Schule nicht.
zeit: Sind die Lehrer nicht mitschuldig?
Heesen: Lehrer haben eher für Leistung votiert, aber sie haben dabei zu stark die Selektionsmechanismen wie Sitzenbleiben in den Vordergrund gestellt, anstatt schwache Schüler zu fördern.
Behler: In Deutschland pendeln wir häufig zwischen den Extremen. Der konservative Glaubenssatz lautete: Wenn Lehrer streng zensieren, erbringen Schüler hohe Leistungen. Dagegen haben viele Lehrer und Politiker - auch ich gehörte dazu - aufbegehrt. In der Folge aber machten viele die Beurteilung von Leistung an sich zum Problem. Pisa und die vorangegangenen Vergleichsstudien haben uns gezeigt, dass beide Extreme falsch sind: Wir brauchen Leistungsstandards. Aber wir dürfen andererseits nicht glauben, dass die klassischen Instrumente der Auslese Schülern helfen, das zu lernen, was sie später in Beruf und Leben benötigen. Sitzenbleiben macht kaum einen Schüler besser.
zeit: Sie sprechen den Unterricht an, dafür sind die Lehrer zuständig, Herr Heesen.
Heesen: Viele Lehrer haben sich in der Vergangenheit zu sehr auf abfragbare Inhalte konzentriert und den Dozierenden herausgestellt. Pisa wie auch vorherige Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Methode weniger wirksam ist. Guter Unterricht setzt auf Verstehen, problemlösendes Denken und erweckt die Neugier der Schüler. Das wird übrigens auch Lehrer entlasten. Denn wer den ganzen Tag doziert, ist ausgepowert.
zeit: Nicht erst seit Pisa ist klar, dass unsere Schulen einen anderen Unterricht brauchen. Warum hat sich dennoch wenig verändert?
Behler: Schulen sind resistent gegenüber verordneten Veränderungen. Das musste auch die Politik erst lernen. Wir können Schule und Unterricht mit Richtlinien und Anweisungen nicht von oben verändern. Da kann ich noch so viele Erlasse verkünden, den Alltag in der Schule berührt das nur marginal.
Heesen: Was auch gute Seiten hat. Die permanenten Veränderungen in jedem Bundesland haben viel Unruhe in die Schulen getragen. Wenn die Ausbildungsordnung jedes Jahr verändert wird, haben Lehrer, Eltern und Schüler das Gefühl, so ganz genau weiß die Politik nicht, was sie will. Das hat einen Lehrertypus hervorgebracht, der sagt: "Fünf Reformen erlebt, keine mitgemacht, und für die Schüler war es das Beste."
zeit: Statt auf Anweisungen von oben könnte man auf die Lernkultur in der Schule setzen. Doch da hapert es ebenso. Lehrer lernen hierzulande ungern von Lehrern. Woran liegt das?
Heesen: Es muss eigentlich selbstverständlich sein, dass Lehrer sich im Unterricht besuchen oder dass Lehrer verschiedener Fächer den Unterricht aufeinander abstimmen. Wenn ich in Chemie Ozon behandele, kann es sinnvoll sein, gleichzeitig in Geografie das Ozonloch vorzustellen. Ebenso sollten Lehrer über die Schulgrenzen hinweg viel stärker miteinander reden, etwa zwischen Gymnasien und Grundschulen sich abstimmen, welche Voraussetzungen für das Gymnasium wichtig sind.
zeit: Aber warum passiert dies so selten?
Behler: Vielen Lehrern fehlt die Distanz zum eigenen Handeln. Sie sehen sich durch die Beobachtung ihres Unterrichts als Person infrage gestellt, anstatt Hilfe und Nutzen zu erwarten. Dabei müssen Lehrer, ob sie Beamte oder Angestellte sind, nichts befürchten. Niemand wird bestraft oder gar entlassen, weil sein Unterricht verbesserungswürdig ist. Doch die große Sicherheit deutscher Lehrer entspricht nicht ihrer gefühlten Wirklichkeit. Solange diese Bunkermentalität vorherrscht, wehren sie sich vehement gegen alle Ansätze, die Klassentüren für Kollegen zu öffnen.
zeit: Haben Lehrer Angst, sich in die Karten sehen zu lassen?
Heesen: Bisher finden Unterrichtsbesuche nur statt, wenn eine Beurteilung nötig ist, in der Probezeit oder wenn eine Beförderung ansteht. Da werden Schaustunden gegeben, die mit dem Alltag wenig zu tun haben.
Behler: Daneben existiert unter Lehrern und Schulen eine seltsame Abneigung, als Vorbild zu gelten. Ich erlebe es immer wieder, dass Schulen, die Hervorragendes leisten, in der Öffentlichkeit nicht genannt werden möchten. Das hieße ja, dass es andere Schulen nicht so gut machen.
zeit: Also die Furcht, als Streber zu gelten?
Behler: Diese falsch verstandene Kollegialität beobachte ich auch, wenn es um eine gerechtere Verteilung von Arbeit geht. Wir haben mit einer sehr aufwändigen Studie festgestellt, dass Lehrer keineswegs faul sind, sondern etwas mehr arbeiten als der Durchschnitt im öffentlichen Dienst. Gleichzeitig erbrachte die Untersuchung, dass die Belastungen extrem unterschiedlich verteilt sind. Im neuen Jahr soll der Schulleiter die Möglichkeit haben, solche Ungerechtigkeiten auszugleichen.
zeit: Müsste der Sportlehrer dann mehr Stunden geben als der Deutschlehrer, der zu Hause viele Klassenarbeiten korrigieren muss?
Behler: Zum Beispiel, es sei denn, der Sportlehrer hat nebenbei eine andere Aufgabe, etwa als Vertrauenslehrer. Es geht um drei Schulstunden, der Spielraum ist also nicht besonders groß. Dennoch stellen sich zwei Lehrerorganisationen gegen diesen Stundenausgleich, die Schulen bräuchten keine Umverteilung, sondern zusätzliche Stellen. Das ist die alte Mentalität, wir könnten nur mit zusätzlichem Geld etwas verändern. Pisa hat gezeigt, dass mehr Geld allein noch keine bessere Schule schafft.
Heesen: Aber mit weniger Geld geht es auch nicht. Ich unterstütze das Modell, wie ich auch andere Mechanismen des Ausgleichs und der Belohnung befürworte, Prämien oder Zulagen zum Beispiel für besondere Leistungen. Manche Lehrer unterrichten an zwei Schulen, die müssen hin und her fahren, haben Konferenzen an beiden Schulen. Wer so arbeitet, sollte eine Zulage bekommen. Doch gerade die Leistungsprämien hat der Finanzminister in Nordrhein-Westfalen wieder kassiert. In Baden-Württemberg sieht es ähnlich aus. Das ärgert die Kollegen und fördert die Meinung, hinter allen Neuerungen stecke der Sparzwang.
Behler: Diese Verärgerung verstehe ich. Solche Sparmaßnahmen liefern denen Argumente, die prinzipiell gegen jede Gehaltsdifferenzierung sind.
zeit: Der Sparzwang zerstört viele gute Ansätze. Auch Ihr Modell Selbstständige Schule stößt deshalb auf Argwohn.
Behler: Die Selbstständige Schule zieht die Konsequenz aus der Tatsache, dass man Schulen nicht von oben steuern kann, sondern dass sie die Freiheit brauchen, selbstverantwortlich zu handeln. Sie bekommen im Rahmen des Modells ein eigenes Budget und großen Spielraum in der Unterrichtsgestaltung. Zudem dürfen sie Lehrer künftig selbst einstellen. Nicht mehr die Behörde, sondern der Schulleiter wird zum Vorgesetzten. Die Erfahrungen in einem ersten Versuch waren ermutigend. Der Unterricht wurde besser, die Zufriedenheit der Lehrer stieg, ebenso ihr Teambewusstsein.
zeit: Warum finden viele Kollegien dennoch wenig Gefallen an der neuen Freiheit?
Heesen: Es besteht die Angst, dass die Politik in dem Augenblick die Freiheit der Schulen entdeckt, da die Probleme am größten sind und kein Geld da ist, sie zu beheben. Viele Lehrer und Schulleiter fürchten, die Verantwortung für die Fehler der Politik übernehmen zu müssen. Wenn jetzt der Unterricht ausfällt, wird die Schule in die Pflicht genommen und nicht mehr die Regierung oder die Schulbehörde, die keine Vertretung schickt.
Behler: Es fiel mal der Spruch: Wir lassen uns doch nicht unser Feindbild kaputt machen. Dahinter steckt die Mentalität, lieber zu klagen, als es selbst besser zu machen. Das betrifft in Zukunft zum Beispiel die Fortbildungen, die zum Schlüssel dafür werden, nach Pisa etwas zu verändern. Bisher wurden Fortbildungen landesweit angeboten. Wer wollte, konnte daran teilnehmen. Doch nur mit Glück konnte man das Gelernte für den Unterricht verwenden. Für den Schulalltag brachten die Kurse nur wenig. In Zukunft muss die Schule ihre Defizite entdecken und sich stärker selbst um die Fortbildung kümmern.
zeit: Mit der Gefahr, dass die Lehrer erst recht nur das machen, wozu sie Lust haben?
Behler: Im Gegenteil, die Schule definiert ihren Bedarf und verpflichtet dann einzelne Lehrer zur Fortbildung. Die Zeit der Rosinenpickerei ist vorbei. Damit beschneiden wir ein Stück Freiheit für den einzelnen Lehrer. Der Schule jedoch eröffnen wir eine konkrete Möglichkeit, eigene Schwächen aufzudecken und sie zu beheben.
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