Jesus, Kumpel und Lover
Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr,
der ist
und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.
Offenbarung des Johannes, 1, 8
Alpha
In "Kukis" Wohnzimmer, Dezember, der 20., der Himmel hing tief über Hamburg-Winterhude, ist der gepiercte Punker Tobias Görtz im Alter von 17 Jahren nach einem exzessiven Lachkrampf dem Sohn Gottes begegnet. Der Heilige Geist erreichte den jungen Mann um kurz nach vier, als sich, umflort von unsagbarer Kraft und Wärme, die Parabel seines schiefen Lebens, die Parabel eines erkalteten, kiffenden, trinkenden Teens ohne Bock, ohne Drive, ohne Sinn, nach oben bog und fortlief ins Transzendente, vier Tage vor Heiligabend 1991, als Kuki und Martin längst Kontakt zu Gott aufgenommen hatten und tanzten und beteten und irgendwie höllisch lachten, als die Nacht über Hamburg-Winterhude kam und mit ihr eine Erleuchtung.
A-Moll.
"Halleluja ... Hallel zu Gott ..." Ein sanfter Schlag über sechs melancholische Saiten, dann beginnt die blonde Frau zu singen, und die junge, weltentflohene Rothaarige vis-à-vis hält die Handflächen zur Empfängnis, D-Dur, der grüne Laser streichelt ekstatisch-versonnene Gesichter.
Shine on me / Lord Jesus / In the sunshine of our love / I spread my wings and learn to fly / learn to fly
A-moll, saubere, gefühlvolle Schläge über die Saiten der großbäuchigen E-Gitarre. "Jesus", sagt Tobias, 27, fein frisierte blonde Haare, exakte Koteletten, laut ins Mikrofon, "ich danke dir, dass du hier bist ...", a-Moll, G-Dur, "... dass du uns nahe bist, dass du jedem ganz persönlich begegnest, dass du der lebendige Gott bist ..." G-Dur, D-Dur, die Jünger, an die hundert, rote Puma-Turnschuhe, Baseballkappen, Kapuzenpullis, schwarz gerandete Hornbrillen, in mancher Hand die Bibel, in manch anderer eine Biolimonade, rufen "Halleluja" und wippen und zelebrieren den Lobpreis, und die Frau vorn auf der Bühne schlägt ihr Medium ohne Unterlass, links herabgeneigt der verträumt-versunkene Kopf, Bass und Drum untermalen die hymnische Liturgie.
Shine on me / Lord Jesus / In the sunshine of our love
Es klingt ein wenig nach den Cranberries, nach avanciertem Britpop, TripHop, der Tonlage des spätmodernen Diesseits, a-Moll, G-Dur, D-Dur.
Kein sonntäglicher Gottesdienst der Jesusfreaks im Schanzenviertel Hamburg-St. Pauli vergeht, ohne dass Leute kommen, die man nicht kennt. Schulklassen, aus Schmalkalden, aus Gotha, sonst woher, wer weiß das schon, Freunde jedenfalls, angereist aus Lübeck, Rügen, Buxtehude, "Christenmenschen", Familienangehörige, die Kirche ist immer voll. An ihrer Decke hängt eine Discoglitzerkugel. In der Apsis stehen Verstärker, Monitore und das Schlagzeug von Pearl. Einen hohen Altar gibt es nicht. Die Bühne ist der Altar. Auf dem Altar wird gerockt. Manchmal gibt es Lobpreis-Hardcore, Lobpreis-Grunge, Lobpreis-Punk. In der ersten Etage des dreistöckigen Gebäudes befindet sich die türkische Bäckerei Rodi. Dort backen Muslime das Abendmahl. Es riecht fein im ganzen Haus. Der blonde Jeansjackenpastor zerrupft den frischen Sonntagsfladen zur Eucharistie. "Der Leib Jesu", a-Moll, G-Dur, I spread my wings and learn to fly, "Christi Blut ...", sagt er den Empfangenden, die wippen und die Hände heben und die Traubenschorle nippen. Sie wischen das gelb gefärbte Unterlippenbärtchen mit dem Handrücken, Shine on me Lord Jesus, und die kleine Rothaarige, vis-à-vis, kauend, im Schneidersitz vor dem Mischpult, hält die geöffneten Handflächen an die Glitzerkugeldecke der Kirche ihrer Freaks, mit denen vor zehn Jahren in Hamburg-Winterhude begann, was sich das "fette Comeback" von Jesus nennt und sich zu einer Bewegung triebhafter Spiritualität ausgewachsen hat, zum Spross gelebter Religiosität.
Die einen sprechen vom religiösen Boom, andere von der multimedialen Inszenierung antiklerikaler Urkirchlichkeit, Dritte von jugendlichem Quatsch. Wenn es den "fetten Segen" gibt, mag das für manche blasphemischer Firlefanz sein - für über 100 Jesusfreaks-Gruppen in Deutschland, für Tausende Jünger, für die Christen der next generation aber ist es die Droge ihrer Zeit: Sie sind high, high von Jesus, dem Daddy, dem Kumpel, dem Lover.
Gott ist en vogue. Seit Anfang der neunziger Jahre verzeichnen Pastoren und Pfarrer ein unerhörtes Bedürfnis nach Segen und Segnung; die Beichte sei wieder in, die Abendmahlsfrömmigkeit frappierend. Trauung, Taufe und Gottesdienste zur Eröffnung von Stadtteilfesten gehörten zum guten Ton, und überhaupt rede man aufs Neue mit Stolz und Eifer von Gott und der Nächstenliebe und einem Wertekanon, ohne sich zu schämen. Nach Lage der Dinge gibt es einen Aufbruch in der christlichen Szene. Kloster auf Zeit und Exerzitien im Alltag, katholische mehr denn evangelische, erleben einen Ansturm, es fällt das Wort von der Volksbewegung. Das Netz christlicher Medien wächst weltweit, christliche Musik hat eine beträchtliche Fangemeinde, und Freizeitforscher stellen eine Trendwende zur "moralischen Sinnstiftung" fest, sagen der Überfrachtung des Lebens mit Quasireligionen das Ende, den Kirchen die Wiedergeburt voraus. Was das große Ganze betrifft, sprechen sie alle vom Bedürfnis nach Stille, Gleichgewicht und einer neuen Metaphysik des Mysteriums. Die keimende Verklärungsromantik verweist auf die von der kühlen Vernunft vergessene Seelensehnsucht und das Konto im Unmateriellen.
Im Frühjahr des kommenden Jahres wird Bibel-TV auf Sendung gehen, weil das Bedürfnis nach christlicher Moral gewachsen sei. Bibel-TV ist ein von beiden Großkirchen unterstütztes Experiment über den Fernsehsatelliten Astra, für drei Jahre anschubfinanziert von 15 Gesellschaftern, gestützt von einem wohlmögenden Freundeskreis, programmatisch errichtet unter der Leitung des ehemaligen ARD-aktuell-Chefredakteurs Henning Röhl, der, da in Sachen Moral alles immer schlimmer werde, Römer 13 paraphrasiert: "Wer seinen Nächsten liebt, tut nichts Böses." Das neue Fernsehformat will die Keimzelle für eine große christliche Programmoffensive sein. Das Menschenbild steht zur Verhandlung, eine große Debatte steht ins Haus: Stammzellen, Lebensbeginn, Sterbehilfe. Wer ist der neue Mensch? Die televisionäre Behandlung der Bibel könnte ein Forum werden. Im verflossenen Zeitalter des Buchs gab es in jedem Haushalt eine Bibel, im Multimedia-Äon soll es das digitale Pendant geben. Ein "ausgewogenes", kein missionierendes Programm sei geplant, heißt es aus der vierköpfigen Redaktion in der Hamburger Rothenbaumchaussee, die Schrift pur ist das Anliegen, Bibelepen, Bibellesungen, Animationen, Kinder- und Familienfilme, Dokumentationen über Qumran, die Sintflut oder das Verschwinden der Bundeslade, dazu Musik, geistliches Easy Listening und moderne Clip-Ästhetik. MTV auf Christlich.
Alles begann, als der Hauptgesellschafter der Bibel-TV Stiftung GmbH, Norman Rentrop, Chef des Bonner Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG, nach einem Talkshow-Auftritt in seinem Hotelzimmer die ausgelegte Schrift nahm, zu lesen begann, zu staunen lernte. Als der neue Tag anbrach, fand er zu einer Überzeugung: "Wir sind das christliche Abendland, und dieses Erbe droht heute verschüttzugehen. Dagegen muss etwas getan werden."
Ist es legitim, zu sagen, Religion, Religiosität, der Glaube an den lebendigen Gott seien tatsächlich zurückgekehrt? "Ja, es ist wahr", sagt Tobias Görtz, BWL-Student, mit Kuki und Martin Gründungsmitglied jener Keimzelle der deutschland-, mittlerweile europaweiten Urchristenbewegung der Jesusfreaks. "Ja", sagt er, "wir wollen so werden wie Jesus, er ist unser Vorbild, er verrät einen nicht, er hat die Menschen geliebt, wie sie waren, mit ihren ganzen Fehlern, dem ganzen Dreck am Stecken, Jesus war einfach cool, und wir fragen ihn: Kumpel, was sollen wir tun?"
Amen.
Der junge Morgen kommt schweigend über Schwabing, und durch die Scheiben des bunt getönten Glases wirft die aufgegangene Sonne ihr Licht in die Rundkapelle, wo manche müden Männer an der dritten Bank einen Knicks machen, sich bekreuzigen, auf die Kniekonsole gehen und beten. Fast alle tragen blaue Birkenstocksandalen, die meisten Hemden samt Pullunder. Einer hat einen Ohrring, ein Silberkreuz. Mehrere halten die Augen geschlossen, zwei vergraben die Hände im Schoß. Freitag früh, die Laudes. Der Subregens psalmodiert, die Seminaristen antworten.
Der Herr wird kommen als König / kommt, wir beten ihn an
Psalm 51, Wasche ab meine Schuld, von links die ersten Zeilen, von rechts die Antwort: Gott sei mir gnädig nach deiner Hand, tilge meine Frevel nach deines reichen Erbarmen. Auf das Canticum folgt die Kurzlesung, Epheser 4, 29-32, dann das Responsorium, die Bitten, schenke uns Erbarmen, zum Schluss das Vaterunser, letztlich die Oration, Dank sei Gott dem Herrn. Die jungen Männer sind frisch gekämmt und sauber gescheitelt, und mancher hat nasses Haar. Ludwig trägt einen schwarzen Vollbart und an einem mächtigen Körper. Während des anschließenden Gottesdienstes mit dem Münchner Aids-Pfarrer hält er den Kopf gesenkt und verneigt sich, wo es liturgisch vereinbart ist. Er dankt dem allmächtigen Gott und schlägt das Kreuz auf die Brust und reicht, wie an jedem Morgen, den anderen Seminaristen die Hand, Friede sei mit dir, ehe der Pfarrer die Oblaten bricht, den goldfarbenen Kelch erhebt und Leib und Blut Christi ausgibt, wozu die kleine Orgel harmonische Kadenzen pfeift. Amen.
Der Frühstückssaal des Priesterseminars der Erzdiözese München und Freising ist aus hellem Holz, Bilder gibt es keine, das Deckenlicht ist grell. An den verschiedenen Tischen herrschen unterschiedliche Formen des Temperamentsausbruchs, bei Ludwig, Markus und Roland geht es heiß her, sie sprechen über Harry Potter, sie leben ja nicht abstinent, sie leben ja genauso in der Spaßgesellschaft! Im Priesterseminar München ist an diesem Morgen zu lernen, gibt es drei Harry Potter- Fraktionen: begeistert, total dagegen, egal. "Ma muaß am Ball bleibn", sagt Ludwig; "wir müssen so viel lesen, da kommt es auf ein paar weitere Bücher auch nicht an", sagt Markus. Nur Roland hat den Film gesehen, und Roland fand ihn so lala. Am nächsten Tag, erinnert sie ein unvermittelt zurückgekehrter Ernst, ist die Korbinian-Messe in Freising, natürlich gehen sie hin.
Seit 1200 Jahren gehen die Kandidaten nach Freising an diesem Tag. Man spürt die ganze Macht der katholischen Inszenierungskraft. Tee, Kaffee und Kakao? Die Morgenmesse des Heiligen Korbinian in Freising, sagt Ludwig, sei das letzte Überbleibsel des Barock: diese wunderschöne Musik, dieser Prunk, dieses Schwärmen! Oder nicht? Hm, macht Markus, den sie kürzlich zu ihrem Senior gewählt haben. Er hat Landschaftsarchitektur studiert, das Vordiplom gemacht und ist dann dem Ruf Gottes gefolgt, so war es bei allen, sie alle hatten das Gefühl, dass die Schöpfung zum Guten berufen ist und dass sie von Gott berufen seien, diese Botschaft fortzutragen in die neue Zeit. "I könnt", sagt Ludwig, "aa frogn: Warum schreibst?" - "Berufung, vielleicht." - "Wos Existenziells also?" - "Eine Art Lebenseinstellung." - "E-b-e-n, und deshalb mechtn mir Priester wern." - "Und das Zölibat, das lebenslange Versprechen, diese ganze Orgie der Entsagungen?" - "Gott zu dienen is wos fürs Herz, den Bilderbuchpfarrer gibt's neet, und a jeder is ohnehin a Exot", da rührt Ludwig seinen zweiten Kakao an. Warum schmunzelt er? "I schlacht ja no heut gern."
Daheim im Chiemgau, da haben sie einen Bauernhof, den der Ludwig nicht übernehmen wollte, deshalb wurde er Metzger, bis er merkte, dass er zu Gott gehört, nicht zur Schlachtergilde. Das war vor fünf Jahren, da war er 18, da trat er ein in ein kirchliches Gymnasium, Abitur, zweiter Bildungsweg, und dann wurde er aufgenommen ins Priesterseminar, wo sich zurzeit 70 Seminaristen praktisch und akademisch ausbilden, um nach sieben Jahren eine Gemeinde zu leiten und mit ihrem Leben öffentlich für Gott einzustehen. Die überzeugte Fortführung der ritualgewaltigen Tradition ist selten geworden.
Kein Regens, kein Subregens, keine offizielle Stelle will die Zahlen schönreden: Es sieht denkbar schlecht aus für den Priesternachwuchs. Monsignore Rainer Birkenmaier, Direktor des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz, hält neben dem demografischen Faktor den glatten "Kulturbruch" für die angemessenste Erklärung: "Die junge Generation von heute lebt in einer völlig anderen Welt. Die massive kulturelle Entwicklung im Kommunikationsverhalten und den Neuen Medien hat die Sprache verändert und steht in klarem Dissens zu den traditionsgebundenen Vorstellungen der Erwachsenen." Wer heute bekundet, er wolle Priester werden oder Pastoralreferent, wer Zölibat und Verbindlichkeit verteidigt, so Birkenmaier, ernte Schmunzeln, Mitleid und Verachtung. "Die Kirche braucht mehr Identifikationsfiguren, junge Geistliche, die zeitgemäß sind. Und dann müssen wir wie die Freikirchen in den Vereinigten Staaten natürlich viel ungenierter für uns werben, öffentlich über uns reden. Das Interesse der Jugend ist unverkennbar da, Religion ist nicht allein Privatsache." Deshalb haben manche Erzbistümer im vergangenen Jahr eine Plakat- und Postkartenoffensive gestartet und mit dem Motto "Wir brauchen keine frommen Jungs, wir brauchen Priester" manchen überzeugt, manchen überrascht, manch anderen verstört.
Am Dilemma der etablierten Kirchen hat sich nichts geändert; es ist struktureller Natur. Antiinstitutionelle Affekte und gesellschaftliche Diversität machen dem flächendeckenden Christentum schwer zu schaffen. Katholische und evangelische Kirche bewegten sich mit Riesenschritten auf eine Minderheitenkirche zu, wie Eleonore von Rotenhan feststellt, ehemalige Präsidentin des Evangelischen Kirchentags und zwölf Jahre im Rat der EKD , heute Beauftragte für Exerzitien im Alltag des Kirchenbüros München und Oberbayern. "Die Kirche ist ein bürokratischer Laden mit oftmals schlampiger Organisation, die nicht richtig darauf reagiert, dass vielen Menschen in ihrer Kirche heute ein überzeugtes Christentum fehlt." Hat die Volkskirche die Defizite des Volks ignoriert? Hat sie ihr Geheimnis verraten, zu viel Zugeständnisse an die Fun-Gesellschaft gemacht, sich dem Profanen angebiedert? Hat die Volkskirche ihr Volk verloren? Ist sie zu modern geworden? Oder ist vielmehr das Gegenteil der Fall: Ist die Institution, beschwert von 2000-jähriger Exegeselast, sprachentfremdet erstarrt in einer Ära, deren Parameter sich innerhalb des vergangenen Jahrzehnts radikal zu Subjektivität und Säkularisierung versetzt haben? Kann man mit Wundermetaphysik und biblischer Mythologie pluralistischer Zerfaserung und hedonistischem Furor beikommen?
Es ist ein großer religionssoziologischer Streit, ob die Sehnsucht nach dem geistigen Obdach dem Individuum per se eingeschrieben ist oder nicht. Die eine Schule erkennt in der Religiosität des Menschen eine prinzipiell untilgbare, über alles Gegenwärtige hinausdrängende Haltung zur Welt. Die andere zieht Feldstudien aus dem entchristianisierten Ostdeutschland heran, um die These zu belegen, Entkirchlichung und Entheiligung seien nicht zu entkoppeln. Detlef Pollack etwa, Professor für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, findet in der entkirchlichten Gesellschaft und ihrer Entfremdung von allen religiösen Formen den allgemeinen Trend ungebremster Säkularisierung bestätigt. "Man muss Abschied nehmen von der Vorstellung, alle Menschen brauchten einen letzten Halt, der im Religiösen liegt." Auch Atheisten setzten sich intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinander, definierten ihre Antworten eben nur unreligiös. Im Osten seien es 70 Prozent, die keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft angehörten, und 50 Prozent, die sich als überzeugte Atheisten verstünden. Im unterstellten "religiösen Boom" erkennt Pollack also kaum mehr denn die modische Suche nach Halt in einer Welt der Unübersichtlichkeit, in der schicken Formel "Comeback der Religion" vermutet er den wärmenden Rückzug in kleine Gruppen mit einer oftmals rigiden Moralität. Für seine empirisch bedingte Ketzerei erntet Pollack den Widerspruch derer, für die der Begriff "Säkularisierung" allenfalls der Rückzug der kirchlichen Religion aus der heterogenen Gesellschaftsstruktur, niemals aber aus der Gesellschaft selbst ist. Der Mensch werde spirituell geboren, heißt es im Sinne des Religionssoziologen Thomas Luckmann, und auf der Suche nach dem Überschreitenden bleibt er sein Leben lang.
24-7-prayer
Im Wald der Oberlausitz, am Fuße des Hutberges - ein Wochentag, Juni, der 17. -, fällt der Zimmermann Christian David mit beherzten Schlägen einen Baum, und also beginnt eine neue Zeit. Es ist 1722, und mehrere Flüchtlinge waren von Böhmen und Mähren über die Grenze nach Sachsen gekommen. Als am Fuße des Hutbergs der erste Baum fiel, war Herrnhut geboren. Die Allee nordostwärts, ein paar Fußminuten weiter, droben in Berthelsdorf, residierte der gläubige Nikolaus Graf von Zinzendorf in einem Gutshaus und nahm die ersten Exilanten aus dem Osten auf. Gemeinsam lebten sie fortan unter des "Herrn Hut", riefen in Freiheit ihren Gott an, und fünf Jahre später, am 13. August 1727, fand in der kleinen, efeuberankten, holzturmspitzen Kirche zu Berthelsdorf, vis-à-vis dem Zinzendorfschen Gut, eine legendäre Abendmahlsfeier statt. Seit diesem Tag ist der pietistische Geist der Evangelischen Brüder-Unität Herrnhut in der Welt, eine missionierende Brautgemeinde, die im Gebet ihren Herrn erwartet, jeden Stunde an jedem Tag, jeden Tag die Woche, jeden Monat im Jahr, hundert Jahre betend.
Zum Generalältesten wurde 1741 Jesus Christus bestellt, was Pete Greig, einen jungen Punk aus Chichester südlich von London, zu einer unzeitgemäßen, aber wirkmächtigen Inspiration hingerissen hat, wie überliefert wird. Im Angesicht von Herrnhuts Kirchensaal, im strahlenden Weiß der Vergebung, beschloss Pete Greig vor zwei Jahren, eine Pionierbewegung auszurufen: Sollten die Herrnhuter einst 100 Jahre für den täglichen Kontakt zu Gott zu beten vermocht haben, so müsse man es heute im Mindesten eine Woche lang schaffen. Pete verbreitete seine Botschaft, sammelte Interessenten, gründete die Initiative 24-7-prayer, stellte sie ins World Wide Web und weckte in der weiten, entheiligten westlichen Welt bei jungen Frauen und Männern im Alter von 15 bis 35 den Wunsch, das Gebet zu suchen und im Gebet den Sohn Gottes und in Gottes Sohn ein anderes Leben, das gewonnene, das richtige, das glückliche.
Und die begannen zu beten, die ihre eigene Kirche wollten, weil sie die erstarrte Hierarchie der Amtskirche ablehnten, die Sprache Kanaans, die verstaubten Choräle. Die begannen zu beten, die die Sehnsucht nach dem Wunder und dem Zauber spürten, die die banale, heillose Wirklichkeit auf den Pfaden nach Utopia verlassen wollten, Nomaden der Nischengesellschaft, Wanderer der Popkultur auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins. Sie sind Erben der Institutionenkritik aus dem 68er-Geist, sie taufen sich selbst in Elbe, Isar, Spree, in Talsperren, Swimmingpools und Seen, und sie stoßen hinein ins spirituelle Vakuum einer gottlosen, aber götzenreichen Konsumkultur. Sie alle erhoffen sich von Jesus die Sinnzufuhr gegen die absurde Existenz. Hey, sagen sie, es ist endsgeil, mit Jesus zu leben, es geht auch anders als in den Kirchen, das Reich Gottes ist sichtbar und kraftvoll, just let Jesus reign in your life. Für ihre Kirche geben sie den Bruttozehnten, freiwillig, denn sie suchen das Erlebnis mit Gott, dem Sohn, dem leibhaftigen Heiligen Geist, dem Spirit. Sie suchen die Herrnhuter Ideale. Und sie fanden die Straße F.
Im Industriegelände Dresden-Nord, Backsteinherrlichkeit, steht eine alte Munitionsfabrik, gegenüber protzen zwei Stahlkessel der Gasturbinen-Heizwerke GmbH, links längt sich eitel ein Schornstein, über den Sachsens Wolken eilen. An der Treppe der alten Granatdreher und -füllerei des sächsischen Königs wurzelt, im schwarzen Sand, ein trauriges Bäumchen und wackelt sanft in einem Westwind, der kleine Wellen über eine unergründliche Lache treibt, in der sich leicht verzerrt das Elend ausrangierter Geschichte spiegelt: gebrochenes Glas, verrostete Heizkörper, drei Reifen, ein silbergrauer Sarg. Die Schienen der Förderwege enden ohne Sinn in einem Haufen gefallener Ahornblätter, es riecht nach Öl. Gottverlassen scheint das Gelände zwischen Brache und Aufbruch, und unbeseelt laufen auf Betonpfeiler gewuchtete Leitungsrohre hügelab nach Dresden-Neustadt.
In Straße F, vor der alten Munitionsfabrik mit dem wucherndem Gestrüpp ohne Gattungsnamen, aber steht ein Zeichen der Hoffnung: eine rot gestrichene Blechpyramide mit weißer Banderole, aufgesprüht ringsum der Dreiklang "Father, Son, Spirit". In der alten Füllerei wird wieder Granat gedreht, es kann wieder geschossen werden, mit scharfer Munition, mit dem Granat der geistlichen Erweckung. In Straße F hat sich die Kirche der globalen Jugendkultur eingerichtet. Hier ist "Kraftwerk", hier, wo im toten, plastikfolienverhängten Barackenfensterrahmen ein vergilbter Zettel flattert: "Jesus hat dich lieb". Seit vier Jahren feiert die unaufhörlich wachsende Freie Gemeinde ihren Gottesdienst an Dresdens Rand, wo am Wochenende Hardcore- und Dark-Wave-Club-Partys stattfinden, wo sich Death Metal, Techno, House austoben, die plumpe Laszivität des Hedonismus, der spätmoderne Sündenpfuhl.
New Rhythm.
Fünf vor sechs wird digitalblau der Countdown auf die Leinwand projiziert, um sich zur vollen Stunde wieder fit fürs dritte Jahrtausend zu machen. Sprotte, Dirk und Karsten stehen ineinander gehakt, breitbeinig, kopfgesenkt, und beten zu Gott für Power und Energy. Im aufsteigenden Nebel scratcht der DJ seine Platten mit den blubbernden Techno-Schleifen, die Lobpreisband checkt den Sound, wobei sich harte Beats und ein entfesselter Bass bemerkbar machen. Im ganzen großen, pfeilergestützten Raum ist kein Kreuz. Es gibt kein Kreuz in dieser Kirche. Am Fries steht weiß auf weiß "New Rhythm" - Weiß, die Farbe der Endzeit.
Dreihundert sind gekommen, wie immer, der ganze Querschnitt verfügbarer Stile: Schirmmützen- und Vollbartträger, Rastagelockte, Pferdeschwanzmähnige, Geschniegelte und Blondierte haben sich im Kirchenschiff eingefunden, um mit Gott zu reden, die Herzen zu öffnen, den neuen Rhythmus des Lebens mit Jesus zu spüren, den Rhythmus des Anfangs am Ende -
You are my foundation / you're my inspiration / please Lord / give me strength / strength to survive
"Gott, wir wollen dich fühlen, Herr ..."
If you go away Lord / I must die
Auf den Lobpreis, keep movin!, folgt die Predigt. Karsten Wolff heißt der Pastor in khakifarbener Survivalhose, er ist der Gründer von Kraftwerk und für die junge Gefolgschaft eine eloquente Autorität. "Gemeinde!", ruft er in die Halle. "Das möchte Gott tun ... Hey, Jesus, wie siehst du die Gemeinde?" Wolff predigt über den Bau der genialen Gemeinde, über Kreativität, Engagement, eine kulturell relevante Kirche. Sein Ton hat für kurze Momente etwas Evangelistenhaftes, er zelebriert den Imperativ "Und investiere dein Leben für Gott!", ballt die Faust im rötlichen Spotlicht zum wabernden Techno-Teppich, "lasst uns Kopf und Herz behalten. Amen ..." Kirchenjubel, DJ-Sound.
Später, in seinem kleinen, röchelnden, weißen Peugeot, wird Pastor Karsten Wolff aus dem kurzen Schweigen einer langen Besinnung heraus sagen, Kraftwerk sei die Kirche der globalen christlichen Jugendbewegung innerhalb der globalen Jugendkultur, und die Teens von heute, wird er prophezeien, sind die Kirche von morgen. MTV, H&M, www. Die Kirche, sagt Wolff, müsse sich neu erfinden. Und wie sie sich gerade neu erfindet, sagt er schließlich, das spreche geradezu von einer christlichen Wiedererweckung. Es gebe Indizien, der Aufbruch sei da, ohne Zweifel, nicht zu leugnen, und es sei erst der Beginn, den Glauben neu ausdrücken zu lernen, die unglaubliche Resonanz zeige das, in Dessau, Bitterfeld, Görlitz, in Berlin-Hellersdorf, Chemnitz, in der Ukraine, in Estland, Norwegen, Schweden, in Spanien, Kanada, der Schweiz - monatlich sprössen neue Gemeinden aus dem Boden, verschrieben sich neue Jünger dem kreativen Glauben, verlinkten sich Gruppen mit den Netzwerken der Jesusfreaks, von Interface und dem international christian fellowship (icf) in Zürich, deren Zielgruppe durchaus Yuppies sind. Das Erweckungspathos ist radikal, weil radix Wurzel heißt, und die Wurzel dieser Wiedererweckung ist Jesus, und weil sie, die ihm heute folgen, radikal sind und im gelebten Bibelwort Heil und Halt entdecken, versagen sich die haltlosen Teens und Twens der globalen Fun-Gesellschaft den Sex vor der Ehe. Und wenn sie Sex haben, sind sie mit 20 schon zwei Jahre verheiratet, was oft bedeutet, dass die neue Kirche frühen Nachwuchs erhält, so pflanzt sich die Erweckung fort.
In der Connection-Area der Munitionsfabrik in Straße F, die Gottesdienst-Party ist vorüber, sitzt Willi, der Systemadministrator, und trinkt einen Mojito. In seinem anderen Leben hat er alles ausprobiert, Sex, Drugs und Rock 'n' Roll. Er hat das Glück gesucht. Er hat die perfekte Liebe gesucht. Er hat Erfüllung gesucht. Gefunden hat er nichts. Es gab immer diese Sehnsucht, sagt er, diese unstillbare Sehnsucht, und keine Frau, kein Geld, keine Droge habe sie befriedigen können. Und als ihm, es liegt eine Weile zurück, nach einer heftigen Tüte Gras klar wurde, dass es den Teufel gibt, hat er sich bekehrt und anderen davon erzählt. Und die haben das Wort fortgetragen, dass Jesus starb für ihre Sünden. Willi ist 32 und seit zehn Jahren Christ. Vor kurzem hat er geheiratet, weil Gott ihm die richtige Frau zuführte. Sieben Hochzeiten gab es 2000 im Kraftwerk. Vor einem Jahr haben Willi und seine jetzige Frau begonnen, einen der Hauskreise mit 16 Leuten zu leiten, weil es so viel Einsamkeit gibt. "Schau raus", sagt Willi, "Krieg, Totschlag, Lug und Trug, die Welt ist doch scheiße."
Der vereinsamte Einzelne und die verwaltete Welt des 21. Jahrhunderts: So sicher die Verführbarkeit durch globale Kulturreize ist, so radikal entspricht ihr der emotionale Protest gegen die Banalität der gleichgültigen Welt. Buddhistische Meditation, christliche Kontemplation, fernöstliche Glaubensheilung, japanische Körpererfahrung, schamanische Ekstase - der suchende Mensch des 21. Jahrhunderts scheint so etwas wie ein religiöser Vagabund zu sein: Er schwört auf entdogmatisierte Romantik, sucht dafür den konsum- und erlebnisorientierten Glaubensvollzug und weicht endgültigen Festlegungen aus. Statt sich zur gewohnten Glaubensgestaltung zu bekennen, entwendet er religiöse Elemente und Rituale für eine außergewöhnliche Ergriffenheitserfahrung. Von nichts anderem künden die stolzen Rufe der individualitätsmüden Jugend nach aktiver Kommunikation mit dem Göttlichen. Freilich kein unerhört verblüffendes Novum, eher ein Pendelschwung, ein vielleicht bekannter Reflex in Zeiten der Unsicherheit, wo man gerne vom Sprung in den Horizont spricht, von der Renaissance aus Mystik und Mythos, Esoterik und Metaphysik.
Omega.
Sie zieht die Ärmel des Sweatshirts hoch, zeigt auf die Narben der schrägen Schnitte, drei Zentimeter lang, akkurat gesetzt, ein Schnitt am nächsten, ihr zarter, kleiner Finger fährt über den Wulst, einmal, zweimal, der Finger fährt über die Narben eines verlorenen, fast vergessenen Lebens. Sie hatte sich die Rasierklinge in die Haut gegraben, um sich zu bestrafen für das durchlittene Leid. Die blutigen Tücher ließ sie immer schnell verschwinden, auch die Klingen. Zu allem hat sie bis heute geschwiegen. Natürlich ahnt ihre Mutter nichts. Ina (Name geändert) hat kurze schwarze Haare, an der Kette um ihren Hals hängt ein Kreuz. Ihre Hosen sind mit Blumen gemustert. Ina ist kurz über ein Meter fünfzig, hat eine feste, selbstsichere Stimme, die in die Stille des lichtlosen Hinterhofs fällt wie eine verstörende Verheißung.
Im Wohnhaus Anklamer Straße 33, Prenzlauer Berg, führt ein Abgang in den Keller. Letzte Tropfen eines verzogenen Schauers traktieren das Blech einer Rinne, über das Hinterhofkarree spannt sich die Kassiopeia. Am Geländer des Abgangs schlottert ein Transparent in der Kälte, grüne Schrift auf weißem Tuch: "Welcome to 24-7-prayer". Der Altar in der mit weißen Laken umhängten Gebetsnische des Kellerraums ist nicht mehr als ein Esstisch, bedeckt mit einem roten Tuch, auf dem zwei Kerzen auf einem Silbertablett stehen. Über dem Altar hängt ein Holzkreuz. Den Raum kleiden Transparente aus, Graffiti, Plakate, beschriftete, bedichtete Tücher: "Jesus, ich hab dich so bitter nötig". Eine Bibel liegt auf einem Tisch, eine Couch ist da, Sessel, zwei Akustikgitarren. Man denkt, man hat alles verloren, sagt Ina, man ist kaputt, man sehnt sich nach dem Tod. Prayer is sexy, kiss your God. Wenn du schwach bist wie Jesus am Kreuz, dann bist du stark, denn das Gebet ist für die Verlierer, heißt es bei 24-7, das Gebet ist sexy, das Gebet ist Hoffnung. Es gab während jener sieben Tage in Berlin, Anklamer Straße 33, vor kurzem nicht eine Minute, in der der Heilige Raum nicht besetzt war. Gebetet haben sie, gemalt, gedichtet, gesungen. Irgendwo in Deutschland wird immer eine Woche durchgebetet, 24-7-prayer ist ortlos, virtuell, die Listen stehen im Netz, örtliche Gruppen suchen den Heiligen Raum und annoncieren auf modisch designten Flyern, der Rest ist Arbeit am Herzen.
Geboren wurde Ina vor zwei Jahren. Jetzt ist sie 19. Bis zum April dieses Jahres hat sie sich täglich zweimal die Rasierklingen in die Unterarme gedrückt. Bis sie 17 war, wurde sie von ihrem Vater und einem guten Bekannten missbraucht. Dann hat sie mit Gott gesprochen. Sie wurde Christin und ging zu den Jesusfreaks Berlin, und sie begriff, dass vielleicht sie selbst sich hassen kann, nicht aber Gott. Gott hasst niemanden, ohne Gott wär sie heute nicht mehr, ohne Gott wäre auch der Kraftfahrer J. nicht mehr, Inas Ehemann, beinahe doppelt so alt wie sie, ein Bekehrter, ein Jesusfreak. Es ist noch nicht lange her, dass Gott sie zueinander führte, es geschah bei den Freaks. "Der Satan überwiegt in dieser Welt", sagt Ina, "der Christ kann nicht durchdringen, deshalb beten wir: dass Gott auch Geduld schenkt." Was Ina in der Sprache ihrer neuen Heimat sagt, klingt wie die Sätze von Tobias Görtz und die Worte Karsten Wolffs. Und es klingt, als hätten die Priesteramtskandidaten Ludwig, Markus oder Roland über das wahre Leben gesprochen und über sein Symbol. Das Logo der alten Kirche ist das Kreuz, Ende und Anfang. Das Logo der Jesusfreaks ist "Alpha-Omega", Anfang und Ende.
Als Ina kurz vor dem Ende war und innerlich kaputt, als sie der kalten, seelenlosen Welt verloren zu gehen drohte, brach vor ihr der neue Anfang auf. Es war wie ein kleines Wunder, ein Erlebnis, das ihre grünen Augen leuchten lässt in diese galleschwarze Nacht, die über den Prenzlauer Berg gekommen ist, kurz vor Mitternacht, ein Freitag, ein Tag des Glücks, und dann fasst sie ihren Mann an der Hand und geht mit ihm auf dem nassen Kopfstein hügelab nach Hause, und sie gehen schnell, weil es kalt ist und der Hund gefüttert werden will.
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