Seit der Zeitenwende wächst der Bedarf nach Gesamtdarstellungen des letzten Jahrhunderts auch in der Kunstliteratur. Man will die Kunst im heutigen Abstand noch einmal in den Prüfstand rufen, auch wenn wir noch keinen zeitlichen Abstand für eine neutrale Sicht gewonnen haben. Wir möchten endlich wissen, ob die Kunst unseren Glauben verdient hat oder ob wir uns ebenso in der Parteinahme wie in der Kritik geirrt haben. Der Ideologieverdacht steht im Raum, wenn die Programme der Künstler heute nachgelesen werden. Die Zeit für eine Bestandsaufnahme scheint gekommen, statt der Flucht in eine Nacherzählung der Ereignisse geht es dabei um den persönlichen Standpunkt, der sich vor Bewertungen nicht scheut.

Die Kunst ist in besonderem Maße mit dem alten Streit um die Moderne belastet, denn ihr fiel immer wieder die Aufgabe zu, die wahre Moderne zu repräsentieren. Aber welche Moderne lässt sich an der Kunst des letzten Jahrhunderts festmachen, nachdem sie sich so oft geändert und sogar widerlegt hat? Man kann nicht von der Kunst im 20. Jahrhundert reden, ohne sich dabei mit einer Definition der Moderne auseinander zu setzen.

Die Erfolgsgeschichte der Kunst ist ebenso wie ihre Skandalgeschichte noch immer der Anlass zu heftigen Kontroversen, was sich damit erklären mag, dass die Kunst einen Marktwert besitzt, über den ihre Anwälte misstrauisch wachen. Warum sonst sollte die "ausgestellte Moderne", die wir Kunst nennen, mehr Kontroversen erzeugen als beispielsweise die Literatur?

Aber es gibt auch das Problem der Beschreibung. Man hat hartnäckig an die große Entwicklungsgeschichte geglaubt, obwohl die Kunst immer wieder jede Verbindung zu ihrer eigenen Geschichte bestritt und sich "am Nullpunkt" sehen wollte. Eine Geschichtsschreibung der modernen Kunst handelt also gleichsam gegen den Willen vieler Künstler, welche die Kunst, als hätte es sie vor ihnen nie gegeben, selbst erfinden wollten. Wie schwierig das Projekt ist, die Kunst der Moderne systematisch aufzuarbeiten, lässt sich an zwei Büchern ablesen, deren Autoren, beide prominente Kunsthistoriker, im gleichen Thema zu ganz verschiedenen Schlüssen kommen.

In der knapp gefassten Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert, die Uwe Schneede, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, selbst als "Überblick" bezeichnet, lässt die Präzision der Beschreibung, mit der er das Material erfasst, nichts zu wünschen übrig. Die Sicherheit, mit wenigen anschaulichen Begriffen komplexe Zusammenhänge darzustellen, verrät einen Kenner der Materie, der aus der Ausstellungspraxis kommt. Man hat das Gefühl, von ihm in einem imaginären Museum herumgeführt zu werden, in dem der Hausherr jedes Exponat so in den Blick rückt, dass wir die Dinge plötzlich mit seinem Blick sehen. Aber auch die Künstler kommen selbst zu Wort und nicht nur ins Bild, denn wir werden mit sorgfältig ausgewählten Zitaten aus ihren Reden und Schriften über ihr Selbstverständnis informiert. So entsteht in 22 Kapiteln, in einem großen Bogen von den 1880er Jahren bis zur Gegenwart, ein Epos der Moderne, das mit leidenschaftlicher Anteilnahme geschrieben ist und deshalb auch wenig Raum für Fragen oder Zweifel lässt. Viele werden das Buch bald als ein Vademecum zur modernen Kunst benutzen, denn es erlaubt ihnen durch seine suggestive Lakonik, mit vielen Kunstrichtungen oder Künstlern erste Bekanntschaft zu machen.

Eine solche Zusammenfassung zu schreiben ist viel schwieriger geworden, seit man sich nicht mehr auf die "Malerei im 20. Jahrhundert" berufen kann, wie es noch Werner Haftmann tat, als er 1954 seine Leser einlud, der lange umstrittenen Kunst der Moderne neuen Glauben entgegenzubringen. Inzwischen sind andere Gattungen hervorgetreten, die der Malerei das Monopol streitig machen, die Kunst allein zu repräsentieren. Materialkunst und Konzeptkunst, in denen nach Schneedes Worten der "Ausstieg aus dem Bild" vollzogen wurde, haben seit den 1960er Jahren die Führung übernommen. Aber die Probleme reichen tiefer, wenn man den Diskurs überall auf dem gleichen Niveau führen will. Nicht allein die zeitliche Distanz erlaubt uns für die erste Jahrhunderthälfte eine schlüssigere Darstellung. In der zweiten Jahrhunderthälfte haben die Künstler zugleich mit dem Kunstbegriff auch den Geschichtsbegriff der Avantgarde dekonstruiert.

Mit dem Fortschrittsideal gaben die Künstler auch den Anspruch auf, eine wie immer verstandene Geschichte der Kunst fortzusetzen, und zogen es vor, in einem geschichtslosen Raum aufzutreten. Die Amerikaner wiederum setzen ihren modernism ohnehin gut 40 Jahre später an als die Europäer, nämlich etwa 1940, als die US-Künstler den Widerstand gegen die europäische Moderne probten. Neben dem Geschichtsbegriff hat auch der Werkbegriff seine Bedeutung gehabt. Der Autor kommt auf dessen Auflösung in den 1960er Jahren mehrfach zu sprechen, ohne die Probleme beim Namen zu nennen. Mein eigener Vorschlag, den Werkbegriff der Moderne kritisch unter die Lupe zu nehmen und in seinem Aufstieg und Fall zu verfolgen, hat in der Forschung bisher noch keine Diskussion ausgelöst, sondern nur zu einer heftigen Defensive geführt. Würde ich mit dem Autor diskutieren, so finge ich bei Duchamp an, indem ich statt von "Werk ohne Kunst", wie es Schneede tut, lieber von einer "Kunst ohne Werk" reden würde, denn Duchamp machte als Künstler eine einzigartige Karriere, ohne ausstellbare Kunst im üblichen Sinne zu produzieren.