O N L I N E Bei Anruf: Internet

Telefonieren über das Web ist billiger. Die neue Technik hat sich in China bereits durchgesetzt, viele große Unternehmen ziehen jetzt nach

Achtern Diek, am Marktplatz des ostfriesischen Städtchens Dornum, backt Jürgen Hornemann seine Brötchen. Aber er hat auch eine Spezialität im Sortiment: Dornumer Stollen gibt es nur bei ihm, im Café Schneckenhaus. Die Dornumer können natürlich einfach hingehen. Wer in Leer wohnt, in Bremen oder München und trotzdem Hornemanns Stollen will, kann hinsurfen und dabei gleichzeitig mit dem Chef wegen der Bestellung telefonieren. Denn auf seiner Website (www.schneckenhaus.de) gibt es einen Telefonknopf. Wenn man dort klickt, wird eine Sprechverbindung über das Internet aufgebaut, es klingelt bei Bäckermeister Hornemann, und das Gespräch kann beginnen - zuvor muss man Mikrofon und Lautsprecher an den Computer stöpseln.

Das klingt ziemlich umständlich. Ist es auch. Den Computer anschalten, eine Internet-Verbindung aufbauen, und das Ganze für einen Anruf im Café? Dennoch, Bäcker Hornemann mit seiner Telefon-Website ist Pionier einer Technik, die schon bald einen Großteil des bisherigen Telefonverkehrs ersetzen wird: Voice over IP, also die Umwandlung von Sprache in Datenpakete und deren Übertragung im Internet-Protokoll (IP).

Auch bisher laufen Telefon- und Internet-Verkehr schon durch die gleichen Kabel. Doch während für ein Telefongespräch eine durchgehende Leitung zwischen den beteiligten Apparaten für die Dauer des Gesprächs aufrecht erhalten wird, flitzt bei VoIP nur dann ein Datenpaket durchs Kabel, wenn wirklich etwas zu hören ist. Sprechpausen werden nicht übertragen, die Sprache wird digitalisiert und komprimiert. Das schafft was: VoIP-Telefonierer können bis zu 75 Prozent der Leitungskosten sparen.

Weltweit läuft inzwischen jedes 20. Auslandstelefonat per VoIP, doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Internationale Telekommunikations Union (ITU) spricht bereits von einem "fundamentalen Wandel", der nur mit dem Übergang vom Telegrafen zum Telefon vergleichbar sei. Doch der ganz große Durchbruch von VoIP lässt noch auf sich warten. Hauptgrund dafür ist die Demokratie im Internet. Dort wird jedes Datenpaket gleich behandelt, egal, ob sich dahinter ein Reklamebild, eine E-Mail oder ein eiliges Sprachpaket verbirgt. Ist das Netz mal wieder überlastet, macht sich das beim Surfen als lästige Wartezeit bemerkbar, eine Internet-Telefonverbindung aber verschwindet unter Rauschen und Knacken im Nirwana des Cyberspace. Immerhin jedes sechste VoIP-Gespräch kann erheblich gestört sein.

Mit dem weiteren Ausbau des Internet und der geplanten Einführung einer Vorzugsbehandlung von Sprach- und Bildpaketen wird sich dieses Problem von allein lösen. Bis dahin müssen Tricks helfen, wie sie zum Beispiel den Kunden von Primus Telecom angeboten werden. "Wir nutzen VoIP nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu unserem traditionellen Netz", sagt Primus-Direktor Christopher Bieck. Rund um die Uhr wird automatisch die Datengeschwindigkeit im Internet zwischen verschiedenen Ländern geprüft. Sobald eine Verbindung für VoIP gut genug ist, leitet Primus die Gespräche über diesen Weg. Fast zehn Prozent aller Telefonate kann Primus so inzwischen per VoIP abwickeln - zu Kosten, die um 30 Prozent unter denen des herkömmlichen Netzes liegen.

Auch in einigen Entwicklungs- und Schwellenländern ist VoIP trotz der technischen Mängel schon heute höchst beliebt. Denn dort sind normale Auslandstelefonate oft noch extrem teuer, etwa 1 Dollar pro Minute von Uganda in die USA, von Nepal aus sogar 1,60 Dollar. VoIP erlaubt erheblich billigere Angebote. Die sind in manchen Ländern zwar illegal, trotzdem aber weit verbreitet, denn niemand kann kontrollieren, ob ein Internet-Zugang auch zum Telefonieren dient. Zuerst hat das ausgerechnet die Volksrepublik China akzeptiert. Die Regierung hatte zunächst versucht, Internet-Telefonie strikt zu verbieten, im April 1999 machte sie eine Kehrtwende: Drei staatliche Telekommunikationsfirmen bekamen eine Lizenz für den Aufbau von VoIP-Netzen. Der Erfolg war gewaltig: Die Kapazitäten mussten vervielfacht werden, weil das chinesische Internet unter dem Datenansturm zunächst zusammenbrach. Vor allem die über 50 Millionen Auslandschinesen schätzen VoIP für Anrufe in der Heimat. Nun wird ernsthaft über eine vollständige Umstellung der chinesischen Fernverbindungen auf VoIP nachgedacht. Schon im nächsten Jahr soll die Internet-Telefonie in China 12 Milliarden Dollar Umsatz einfahren.

Beim Notruf ins Netz gegangen

Anders sieht das in den Industrieländern aus. Die Überkapazitäten durch immer leistungsstärkere Glasfaserkabel zwischen Nordamerika, Ostasien und Europa haben die Preise für Telefonate auf das Niveau von Ferngesprächen innerhalb Deutschlands fallen lassen. Erst zwei Prozent der Auslandsgespräche laufen deshalb in Europa und den USA als VoIP. Bei Inlandsgesprächen liegt der Anteil sogar unter 0,2 Prozent. Trotzdem ist die Internet-Telefonie auch hier im Vormarsch, und zwar innerhalb großer Unternehmen. Über die vernetzten Computer an ihren Standorten können sie auch den internen Telefonverkehr abwickeln. Anschaffung, Wartung und Erweiterungen der IP-Telefonanlagen sind deutlich günstiger als bei herkömmlichen Systemen. Unternehmen mit zahlreichen Niederlassungen können sogar ihre externen Telefonkosten senken, indem sie Gespräche über das firmeneigene Netz und erst am Zielort als Ortsgespräch ins öffentliche Telefonnetz leiten. Unterbrechungen gibt es nicht, denn im Intranet der Firma lässt sich stets ausreichend Bandbreite zum Telefonieren reservieren. Jedes fünfte interne Telefonnetz ist in den USA bereits auf VoIP umgestellt, in drei Jahren sollen es 80 Prozent sein.

Auch in Deutschland stellen immer mehr Unternehmen ihre interne Telekommunikation um. Wer das Call-Center des ADAC anruft, telefoniert bereits - ohne es zu merken - mit der neuen Technik. Der Automobilclub hat schon vor zwei Jahren den Telefonverkehr zwischen den Niederlassungen in München, Passau und Landsberg auf VoIP umgestellt. "Die Sprachqualität ist einwandfrei", sagt Ulrich Huber, Telekommunikationsleiter beim ADAC, "und wir sparen gut 30 000 Mark im Jahr."

Reibungslos war die Umstellung nicht. Das hat auch mit dem menschlichen Faktor zu tun. "Die IPler sind junge Freaks", sagt Hans-Martin Lichtenthäler, der sich bei der Telekom um die Internet-Telefonie kümmert, "aber die Techniker in den Telekommunikationsabteilungen sind alte Hasen. Da kollidieren manchmal Welten." Dabei geht es auch um Arbeitsplätze - ein VoIP-Netz lässt sich vom Bildschirm aus managen, niemand muss in Verteilerkästen zwischen Kabelbäumen herumkriechen.

Wie beim neuen Mobilfunkstandard UMTS wird auch die Fusion von Internet und Telefon manch mehr oder weniger sinnvollen Zusatznutzen hervorbringen. Für Manager ist schon einiges im Angebot: Sie können sich alle Nachrichten - egal, ob Telefonanruf, Fax, eine E-Mail, einen Video-Clip oder eine SMS-Botschaft - automatisch auf dem jeweils besten Weg übermitteln lassen. Sitzen sie gerade vor ihrem Computer, taucht die Nachricht auf dem Bildschirm auf, im Zug klingelt ihr Handy, und eine Stimme liest Nachrichten vor. Richtig funktionieren wird das erst, wenn jedem Menschen eine einzige Telefonnummer zugeordnet ist, unabhängig davon, welchen Apparat er gerade benutzt.

Bäckermeister Hornemann immerhin ist ganz zufrieden mit seinem Telefonknopf im Internet. Er denkt dabei auch ans Geschäft. Hornemann backt nämlich seinen Stollen für den weltweiten Versand. Dresdener darf er ihn nach einer gerichtlichen Verfügung nicht mehr nennen, obwohl er vor dem Umzug nach Ostfriesland eine Großbäckerei in der sächsischen Hauptstadt geleitet hat. Doch per Internet und Telefon verkauft sich sein Dornumer Stollen ganz ordentlich: "Neulich hatte ich sogar eine Bestellung aus Dresden."

 
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