B E C H S T E I N Wohlklang aus Seifhennersdorf

Wie die Pianofortefabrik C. Bechstein versucht, an ihre ruhmreiche Tradition anzuknüpfen und die Konzertsäle und Musikzimmer der Welt zurückzuerobern von Klaus-Peter Schmid

Seifhennersdorf am Zittauer Gebirge, 8000 Einwohner, versteckt im südöstlichsten Zipfel der Republik. Die letzten Häuser grenzen an Tschechien, nach Polen sind es ein paar Kilometer. Einst prägten Flachsanbau und Textilindustrie die Region, viel ist davon nach der Wende nicht geblieben. Doch die Seifhennersdorfer haben Glück. Mitten im Ort steht eine der modernsten Produktionsanlagen für Klaviere und Konzertflügel in ganz Europa. Im September reiste Ministerpräsident Kurt Biedenkopf persönlich zur Einweihung der C. Bechstein Pianofortefabrik AG an. Die Traditionsmarke mit dem guten Klang ist im Freistaat Sachsen heimisch geworden. Bechstein made in Oberlausitz.

In der neuen Produktionsstätte surren computergelenkte Metallbohrer; vorgeschnittene Holzrohlinge werden vollautomatisch bearbeitet, die Beschichtung von Gehäusen mit Polyester ist praktisch emissionsfrei. Halbe Konzertflügel verschwinden auf einem Schlitten in der CNC-gesteuerten Fräse. Kaum Staub, wenig Gerüche, minimale Abfälle. Am Ende sorgen Poliermaschinen für Hochglanz. Handarbeit ist nur noch beim Zusammensetzen der Instrumente gefragt, beim Justieren und Intonieren ist sie unersetzlich. Sorgfältig verpackt, stehen die Klaviere schließlich zum Abtransport bereit. Auf einigen steht in großen Lettern: To Yokohama, Japan.

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Warum das alles ausgerechnet im Wilden Osten? Karl Schulze, der 53 Jahre alte Vorstandsvorsitzende von Bechstein, sucht nicht lange nach Argumenten: wegen der Tradition des sächsischen Klavierbaus, wegen der Kompetenz des Mitarbeiterstamms. Natürlich auch wegen der Löhne, die für die Gegend "sehr akzeptabel" sind, wie Seifhennersdorfs Bürgermeister Christoph Lommatzsch versichert, aber natürlich bescheidener als in Berlin (und auch Dresden). Und die Grenzlage? Kein Problem, in Tschechien und Polen sitzt das Gros der Zulieferer, den Transport der fertigen Instrumente besorgen Spezialspeditionen.

Zweifel an der Klasse seines Unternehmens lässt Schulze nicht aufkommen. "Wir sind hier Bundesliga", betont der Klavierbaumeister mit juristischem und betriebswirtschaftlichem Studium. Etwa 4000 Klaviere und Flügel gehen in diesem Jahr von Seifhennersdorf in die ganze Welt. Nur Schimmel in Braunschweig kann da von den heimischen Klavierbauern mithalten. Und Yamaha, Nummer eins auf dem deutschen Markt? "Für die sind wir heute schon ein ernsthafter Konkurrent", beteuert Schulze.

Die Geschichte der Marke Bechstein beginnt 1853, genau wie die der Konkurrenten Blüthner in Leipzig und Steinway & Sons in New York. Da baut Carl Bechstein nach seiner Ausbildung als Musiker und Klavierbauer die ersten Pianos in der Berliner Behrenstraße. Das Geschäft entwickelt sich bestens, schon 1862 bei der Industrieausstellung in London wird Bechstein prämiert, bald ist er königlich-kaiserlicher Hoflieferant. Bis zum Ersten Weltkrieg steigt die Jahresproduktion auf 5000 Klaviere und Flügel. Bechstein erobert Konservatorien und Konzertpodien.

Und die Künstler spenden überschwängliches Lob. "Man sollte Klaviermusik nur für den Bechstein schreiben", schwärmt Claude Debussy. Franz Liszt, der die Flügel derart traktiert, dass er gleich mehrere für einen Konzertabend braucht, lernt den Bechstein kennen - und rührt fortan kein anderes Instrument mehr an. Richard Strauss, Edvard Grieg, Béla Bartók - sie schwören auf Bechstein. Der große Pianist Arthur Schnabel ("Bechstein ist die Erfüllung für Hand und Ohr") macht seine Platten-Einspielungen grundsätzlich nur auf einem Bechstein-Flügel.

Dann kommen die finsteren Jahre. Helene Bechstein, Schwiegertochter des Gründers und Mitinhaberin des Unternehmens, ist eine frühe Verehrerin Adolf Hitlers. "Ich wollte, er wäre mein Sohn", wird sie von dem Hitler-Biografen Konrad Heiden zitiert. Zusammen mit der Verlegersgattin Elsa Bruckmann führt sie Hitler in den zwanziger Jahren in die besseren Berliner und Münchner Kreise ein. Das geht so weit, dass die beiden Frauen Hitler einkleiden und ihm Tischmanieren beibringen. Helene Bechstein gibt sogar ihre Juwelen als Sicherheit für ein Darlehen, das Hitler von einem Berliner Kaufmann erhält. Selbst nach dem Krieg trägt sie das goldene Parteiabzeichen, diskret in ein Schmuckstück eingearbeitet.

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