T E R R O R I S M U S
Der gute Terrorist
Der Albaner Ali Ahmeti bekämpfte die mazedonische Regierung mit Gewalt. Verbrecher oder Freiheitskämpfer? Wir müssen lernen, zu unterscheiden
"Hast du schon gehört? Osama bin Laden kommt nach Mazedonien."
"Wieso?"
"Weil wir eine Amnestie für Terroristen ausgerufen haben."
Der mazedonische Witz gibt den Anstoß, über eine der wichtigsten Fragen nach dem 11. September nachzudenken: Wer ist ein Terrorist? Mazedoniens slawische Nationalisten behaupten, sie hätten es mit ihrem eigenen Osama bin Laden zu tun, einem mazedonischen Albaner namens Ali Ahmeti. Doch ausgerechnet mit diesem Terroristen hätten die Vereinigten Staaten und die Nato Abmachungen getroffen. Zugunsten seiner Amnestierung sei Druck auf die mazedonische Regierung ausgeübt worden. Natürlich spielen nationalistische Regierungen überall auf der Welt diese Karte: Russland brandmarkt tschetschenische "Terroristen", Israel verdammt palästinensische "Terroristen", China tibetische "Terroristen". In diesem Fall aber ist es nicht bloß die Gegenseite, die von Ali Ahmeti lange nichts hielt.
Am 27. Juni 2001 unterzeichnete Präsident Bush eine Verordnung, um das amerikanische Vermögen von Personen einzufrieren, die "extremistische Gewalt in der Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien" und in anderen Teilen des westlichen Balkans betrieben oder unterstützten. Ganz oben auf der Liste steht "Ahmeti, Ali, Mitglied der Nationalen Befreiungsarmee (UÇK)", geboren am 4. Januar 1959 in Kicevo, Mazedonien. Die präsidiale Anordnung kennzeichnet Ahmeti zwar nicht mit dem Wort "Terrorist" - aber sie behandelt ihn als einen.
Trotzdem unterzeichneten Vertreter der slawischen und der albanischen Mazedonier Mitte August 2001 unter westlichem Druck einen Friedensvertrag. Den albanischen Mazedoniern wurde darin die verfassungsmäßige Gleichstellung garantiert. Im Gegenzug sollte die UÇK der Nato einen großen Teil ihrer Waffen aushändigen. Ferner sagte der mazedonische Präsident Trajkowski den aufständischen Albanern eine Amnestie zu, deren Durchsetzung die Nato gegenüber Ahmeti garantiert. "Ich unterschrieb eine Vereinbarung mit dem Generalsekretär der Nato, und dessen Vertreter unterschrieben eine Vereinbarung mit den Terroristen", erklärte Präsident Trajkowski.
Wer und was ist Ali Ahmeti? Die westlichen Repräsentanten in Skopje sind sich uneinig. Ein britischer Offizier mit langer Erfahrung in Nordirland beschwor, Ahmeti und seine Leute seien nichts anderes als Terroristen. Andere Nato-Vertreter dagegen drückten ihre Bewunderung für die Zurückhaltung aus, mit der Ahmetis UÇK im Laufe ihres siebenmonatigen Kampfes vorgegangen war.
Ich beschloss, mir selbst ein Bild zu machen und Ahmeti zu befragen. Mit einem albanischen Fahrer und Übersetzer machte ich mich auf den Weg in das Dorf Sipkovica im waldigen Bergland Westmazedoniens. Am Ende einer steilen, kopfsteingepflasterten Straße bewachten Männer mit dunklen Sonnenbrillen ein großes Haus. Ahmeti, ein müde aussehender Mann mit silbergrauem Haar und gelben Nikotinfingern, saß im Schneidersitz in einem Sessel und bot mir 15 Jahre alten schottischen Whisky an. Er trank selbst davon.
Ich erklärte, dass seit dem 11. September viel über Terrorismus diskutiert wird und einige Menschen auch ihn für einen Terroristen hielten. Was würde er diesen Leuten entgegnen? Ahmeti antwortete ruhig und nachdenklich. "Ein Terrorist kann nicht sein", sagte er, "wer ein Armeeabzeichen trägt, wer ein Ziel hat, für das er kämpft, wer die Genfer Konvention und das Haager Tribunal respektiert, wer öffentlich mit seinem vollen Namen auftritt und für alle seine Taten die Verantwortung übernimmt, wer gute Reformen und Demokratie in seinem Land anstrebt und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz fordert." Schön und gut. Nur ist damit natürlich nicht alles geklärt. Es kommt auch darauf an, was die UÇK tatsächlich getan hat - und was sie noch tun wird.
Gewiss, zur Frage, wer ist ein Terrorist, gibt es überall auf der Welt stets zwei Meinungen. Die Kurden im Irak sind Freiheitskämpfer, die in der Türkei Terroristen - oder umgekehrt, je nach Perspektive. Und die raschen Strategiewechsel des Westens fordern zynische Kommentare geradezu heraus. Der geächtete Terrorist Ahmeti wird zum geschätzten Partner im Friedensprozess. Der von der CIA finanzierte Freiheitskämpfer Osama bin Laden wird zum meistgesuchten Terroristen der Welt. Und der einstige Terrorist (oder Freiheitskämpfer?) Menachem Begin erhält den Friedensnobelpreis.
Doch wahr ist auch, dass Menschen sich ändern. Sie versinken in Brutalität wie Joseph Conrads Romanfigur Kurtz. Oder sie tauchen aus dem Herz der Finsternis auf, wenn sie merken, dass sie ihre Ziele mit Gewalt nicht erreichen: Gerry Adams etwa, der Anführer der nordirischen Sinn Fein, oder Nelson Mandela. Ebenfalls wahr ist, dass es viele Formen von Terrorismus gibt. Und dass nicht jede Art von politischer Gewalt Terrorismus ist. Wenn wir den globalen "Krieg gegen den Terrorismus" nicht verlieren wollen, müssen wir diese Unterschiede verstehen. Im Fall von Ali Ahmeti und seiner UÇK beachte ich deshalb vier Kategorien: Biografie und Ziele, Methoden und Kontext. Sie lassen sich auch auf andere Fälle anwenden.
Biografie. Ali Ahmetis Lebensgeschichte ist nicht untypisch für einen Albaner aus dem Kosovo oder aus Mazedonien. Er stammt aus dem Dorf Zajas nahe Kicevo im Westen von Mazedonien, der überwiegend von Albanern bewohnt wird. Studiert hat er an der Universität von Prishtina im Kosovo. Als Student war er ein Radikaler, der, wie damals viele andere, albanischen Nationalismus und Marxismus-Leninismus miteinander verband. Ein paar Monate saß er im Gefängnis. 1981, als 22-Jähriger, beteiligte er sich an der Rebellion der albanischen Studenten in Prishtina und floh danach in die Schweiz. Offenbar schloss er sich im Exil einer Bewegung für eine Sozialistische Republik Albanien innerhalb Jugoslawiens an und gründete eine mazedonische Sektion der kosovarischen Marxisten-Leninisten. Sein ganzes Gebaren während unseres langen Gesprächs ließ die vielen Stunden in verrauchten Zimmern erahnen, die Ahmeti mit dem Debattieren revolutionärer Politik zugebracht hatte. Er lese viele Bücher, sagte er, "zum Beispiel über Psychologie und Guerillakrieg".
Die ländliche Bevölkerung, in der Ahmeti operiert, ist zum größten Teil muslimisch. Doch kein einziges Mal während unseres Gesprächs erwähnte er den Islam - von irgendeinem Gefühl der Gemeinsamkeit mit islamistischen Terroristen keine Spur. Viel spricht dafür, dass sich ein Whisky trinkender ehemaliger marxistisch-leninistischer Nationalist kaum einer muslimischen Internationale zugehörig betrachtet.
Was Ahmeti im Laufe der neunziger Jahre trieb, ist nicht ganz klar. Doch vor allem das Aufbegehren der UÇK im Kosovo 1998 und 1999 war für ihn offensichtlich eine prägende Erfahrung. Aus dem Kosovokrieg zog er zwei Schlüsse. Zum einen, dass sich mit ein paar Monaten bewaffnetem Aufstand mehr gewinnen lässt, als die albanischen Politiker mit einem Jahrzehnt friedlicher Politik erreicht hatten. Zum anderen, dass der Erfolg nur möglich ist, wenn es gelingt, den Westen in den Konflikt hineinzuziehen. Darin bestand das große taktische Ziel - und die große Unbekannte. Ahmeti erklärte, er habe im Februar 2001, als der Aufstand begann, gewusst, "dass wir ohne die Hilfe des Westens nicht gewinnen können". Um den Westen auf jeden Fall ins Spiel zu bringen, war also Zurückhaltung nötig - hinsichtlich der Ziele wie der Methoden. Das war die große Chance der albanischen Mazedonier. Und Ali Ahmetis große Chance.
Ziele.Auffällig an Ahmetis Nationaler Befreiungsarmee sind die Klarheit und Bescheidenheit der von ihr proklamierten Ziele. Von Anfang an legte Ahmeti Wert auf die Feststellung, die UÇK wolle nur, was Mazedoniens albanische Politiker seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 gefordert hatten: gleiche Rechte für die albanischen Mazedonier. Albanisch solle eine der offiziellen Sprachen in Parlament und Verwaltung werden, die Albaner sollten das Recht haben, in ihrer eigenen Sprache zu studieren. Ferner sollten Albaner in Verwaltung, Justiz und Polizei proportional zu ihrem Bevölkerungsanteil vertreten sein. Mehr Kompetenzen sollten an die kommunalen Verwaltungskörperschaften delegiert werden, was in Gebieten mit albanischer Mehrheit erhebliche Auswirkungen hätte. Aber selbst nach dem Willen der UÇK sollte Mazedonien ein einheitlicher, multiethnischer Staat bleiben. Verglichen mit den Forderungen der UÇK im Kosovo, der Serben und Kroaten in Bosnien, der IRA oder der Eta, wirkt das Programm von Ahmetis UÇK wie von amnesty international geschrieben. Die meisten westlichen Repräsentanten finden, der mazedonische Staat hätte diese Forderungen längst erfüllen sollen.
Warum er sich für Mazedonien keine föderale Lösung vorstellen könne, fragte ich Ahmeti. "In einem Land mit nur zwei Millionen Einwohnern und auf 25 000 Quadratkilometern? Das wäre lächerlich." Föderalismus bedeute neue Grenzen und Wettbewerb zwischen Teilstaaten. Und überhaupt, wie könne man Grenzen ziehen, wo albanische und slawische Mazedonier derart nahe und miteinander vermischt lebten? "Entweder wir sind im 21. Jahrhundert angekommen, oder wir tun, was unsere Vorfahren vor hundert Jahren taten", sagte Ahmeti. "Mein Land heißt jedenfalls Mazedonien."
Viel deutet darauf hin, dass die politischen Eliten der Albaner in Kosovo und Mazedonien verschiedene mittelfristige Ziele verfolgen: staatliche Unabhängigkeit für das Kosovo, Gleichberechtigung in Mazedonien. Für die mazedonischen Albaner gibt es einen sehr guten Grund, diesen gemäßigten Kurs einzuschlagen. Offiziell sind 23 Prozent der Mazedonier ethnische Albaner, doch andere Schätzungen belaufen sich auf 35 Prozent. Und jeder weiß, dass die albanischen Mazedonier viel mehr Kinder haben als die slawischen. Bleiben die Geburtenraten, wie sie sind, werden die Albaner ungefähr im Jahr 2025 die Mehrheit stellen. Vielleicht hätte der dann 66-jährige Ali Ahmeti die Chance, Präsident zu werden.
Methoden. Ahmeti und seine UÇK haben sich bewusst für die Gewalt entschieden. Doch niemals habe man auf Zivilisten gezielt, sagen Ahmeti und seine Mitstreiter. Die Genfer Konvention hätten sie beachtet, das Haager Tribunal stets vor Augen gehabt - und so weiter. Die meisten internationalen Beobachter bestätigen, dass die mazedonische UÇK viel weniger Verbrechen gegen Zivilisten begangen habe als die UÇK im Kosovo.
Ich sprach mit einer Gruppe junger slawischer Mazedonier, die aus ihren Dörfern geflohen waren - allerdings, wie sie zugaben, nachdem sie ihrerseits die Waffen gegen die UÇK erhoben hatten. Sie erzählten die aus dem Kosovo, aus Bosnien und Kroatien allzu bekannte schreckliche Geschichte von den Nachbarn, die stets friedlich zusammengelebt und -gearbeitet hatten und nun plötzlich die Gewehre aufeinander richteten. Nach Angaben der mazedonischen Regierung vertrieben die Kämpfe etwa 70 000 Menschen aus ihren Dörfern und Städten. Internationale Beobachter halten diese Zahl für weit überzogen. Sie weisen darauf hin, dass die größten Vergehen gegen Zivilisten von den mazedonischen Sicherheitskräften ausgingen. Wahllos zerschossen die Kanonen einer unfähigen Armee aufständische Dörfer - das sicherste Mittel, einen Aufstand nicht zu beenden. Paramilitärische Einheiten, wie in Milocevics Serbien dem Innenministerium unterstellt, betrieben ein finsteres Spiel. Und es besteht kein Zweifel, dass ganz normale Albaner jahrelang den Einschüchterungen durch die fast ausschließlich slawische Polizei ausgesetzt gewesen waren.
Auf der Rückfahrt von meinem Treffen mit Ahmeti hielt ein mazedonischer Polizeimajor unser Auto an und beschimpfte meinen Übersetzer. Ich versuchte einzugreifen und erklärte, dass ich am gleichen Tag mit Präsident Trajkowski gesprochen hätte, der gewiss unser sicheres Geleit wünsche. Darauf sagte der Major zu meinem Übersetzer: "Sag dem Mann, dass mir der Präsident scheißegal ist." Im Übrigen solle ich aufhören zu grinsen. Dieser mazedonische Polizist war ein perfekter Propagandist für die albanische Sache. "Da sehen Sie, wie wir behandelt werden", schimpfte mein Übersetzer hinterher in seinem gebrochenen Deutsch. "Das ist nicht korrekt."
In diesem schmutzigen kleinen Bürgerkrieg waren alle Beteiligten weder besonders korrekt noch - nach den Maßstäben des Balkans - besonders brutal. Die UÇK hatte angefangen, aber dann waren es eher die slawischen Mazedonier, die sich schlimm aufführten. Das führt zur Frage nach dem Kontext der Auseinandersetzung.
Kontext. "Soweit ich weiß, sind die Politiker der Welt voller Lob für Mazedonien", erklärte mir Präsident Trajkowski. Das Gegenteil trifft zu. Einem westlichen Verhandlungsführer, der Mazedonien gut kannte, sagte ich einmal, ich hätte noch nie eine so sture und kurzsichtige politische Elite erlebt wie die slawisch-mazedonische. "Ganz genau", sagte er, "nur bezweifle ich, dass ‰Elite' das richtige Wort ist." Die slawischen Mazedonier hatten den Krieg gegen die UÇK so geführt, dass sie am Ende selbst als Übeltäter dastanden. Und auf den unteren Ebenen gebärdeten sich Verwaltung, Armee und Polizei genauso stur, korrupt und unfähig wie die Politiker des Landes.
Das hat Gründe. Mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt haben auch die slawischen Mazedonier Mitgefühl verdient. Es gibt Völker, die einen eigenen Staat anstreben, und es gibt Völker, die einen Staat übergestülpt bekommen. Den Mazedoniern wurde ihr Staat übergestülpt, als sich Jugoslawien 1991 auflöste. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hatten alle vier Nachbarn des Landes - Serbien und Bulgarien, Albanien und Griechenland - Anspruch auf dessen Gebiet erhoben.
Keiner dieser Ansprüche war 1991 erledigt. Obendrein erschütterten die Sanktionen gegen Serbien die mazedonische Wirtschaft, und Griechenland blockierte die internationale Anerkennung des Landes. Dann musste Mazedonien mit albanischen Flüchtlingsströmen aus dem Kosovo fertig werden. Der Westen versprach Wirtschaftshilfe und Investitionen - bei den Versprechungen ist es geblieben. Im Übrigen werden die slawischen Mazedonier in ein paar Jahrzehnten eine Minderheit im eigenen Land sein. Ihre Existenzangst ist erklärbar.
Dennoch hätten die mazedonischen Albaner die Möglichkeit gehabt, Veränderungen friedlich anzustreben. Ihre etablierten Parteien saßen (und sitzen) im Parlament, gehören sogar der Regierung an und fordern seit langem dieselben Reformen wie neuerdings die UÇK. Mithilfe von westlichem Druck hätten sie sich früher oder später durchgesetzt. Die UÇK mag in ihren Zielen und Methoden zurückhaltend gewesen sein - doch sie schlug den Weg der Gewalt ein. So hat die UÇK die notwendigen Reformen zwar pro forma beschleunigt. Doch zugleich hat sie deren praktische Verwirklichung womöglich zurückgeworfen. Denn der Krieg hat auf beiden Seiten zur politischen Radikalisierung beigetragen.
Habe ich also Whisky mit einem Terroristen getrunken? Gewiss ist Ali Ahmeti ein Politiker, der zur Waffe griff, als ihm noch andere Möglichkeiten offen standen. Doch vielleicht schlägt das Pendel gerade noch so eben zu seinen Gunsten aus, weil er gemäßigte Ziele vertrat und Zivilisten schonte. Vielleicht. Auf jeden Fall ist aus Ahmeti inzwischen ein verlässlicher Protagonist von politischen Verhandlungen innerhalb eines einheitlichen, multiethnischen Staates geworden. Vermutlich ist es letztlich doch in Ordnung, Whisky mit einem Mann zu trinken, der dem Terrorismus abgeschworen hat. Wäre es anders, hätten die Politiker der Welt in den vergangenen fünf Jahrzehnten erheblich weniger Whisky genießen dürfen.
Aus dem Englischen von Tobias Dürr
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