T E R R O R I S M U S Der gute Terrorist Seite 4/4
Kontext. "Soweit ich weiß, sind die Politiker der Welt voller Lob für Mazedonien", erklärte mir Präsident Trajkowski. Das Gegenteil trifft zu. Einem westlichen Verhandlungsführer, der Mazedonien gut kannte, sagte ich einmal, ich hätte noch nie eine so sture und kurzsichtige politische Elite erlebt wie die slawisch-mazedonische. "Ganz genau", sagte er, "nur bezweifle ich, dass ‰Elite' das richtige Wort ist." Die slawischen Mazedonier hatten den Krieg gegen die UÇK so geführt, dass sie am Ende selbst als Übeltäter dastanden. Und auf den unteren Ebenen gebärdeten sich Verwaltung, Armee und Polizei genauso stur, korrupt und unfähig wie die Politiker des Landes.
Das hat Gründe. Mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt haben auch die slawischen Mazedonier Mitgefühl verdient. Es gibt Völker, die einen eigenen Staat anstreben, und es gibt Völker, die einen Staat übergestülpt bekommen. Den Mazedoniern wurde ihr Staat übergestülpt, als sich Jugoslawien 1991 auflöste. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hatten alle vier Nachbarn des Landes - Serbien und Bulgarien, Albanien und Griechenland - Anspruch auf dessen Gebiet erhoben.
Keiner dieser Ansprüche war 1991 erledigt. Obendrein erschütterten die Sanktionen gegen Serbien die mazedonische Wirtschaft, und Griechenland blockierte die internationale Anerkennung des Landes. Dann musste Mazedonien mit albanischen Flüchtlingsströmen aus dem Kosovo fertig werden. Der Westen versprach Wirtschaftshilfe und Investitionen - bei den Versprechungen ist es geblieben. Im Übrigen werden die slawischen Mazedonier in ein paar Jahrzehnten eine Minderheit im eigenen Land sein. Ihre Existenzangst ist erklärbar.
Dennoch hätten die mazedonischen Albaner die Möglichkeit gehabt, Veränderungen friedlich anzustreben. Ihre etablierten Parteien saßen (und sitzen) im Parlament, gehören sogar der Regierung an und fordern seit langem dieselben Reformen wie neuerdings die UÇK. Mithilfe von westlichem Druck hätten sie sich früher oder später durchgesetzt. Die UÇK mag in ihren Zielen und Methoden zurückhaltend gewesen sein - doch sie schlug den Weg der Gewalt ein. So hat die UÇK die notwendigen Reformen zwar pro forma beschleunigt. Doch zugleich hat sie deren praktische Verwirklichung womöglich zurückgeworfen. Denn der Krieg hat auf beiden Seiten zur politischen Radikalisierung beigetragen.
Habe ich also Whisky mit einem Terroristen getrunken? Gewiss ist Ali Ahmeti ein Politiker, der zur Waffe griff, als ihm noch andere Möglichkeiten offen standen. Doch vielleicht schlägt das Pendel gerade noch so eben zu seinen Gunsten aus, weil er gemäßigte Ziele vertrat und Zivilisten schonte. Vielleicht. Auf jeden Fall ist aus Ahmeti inzwischen ein verlässlicher Protagonist von politischen Verhandlungen innerhalb eines einheitlichen, multiethnischen Staates geworden. Vermutlich ist es letztlich doch in Ordnung, Whisky mit einem Mann zu trinken, der dem Terrorismus abgeschworen hat. Wäre es anders, hätten die Politiker der Welt in den vergangenen fünf Jahrzehnten erheblich weniger Whisky genießen dürfen.
Aus dem Englischen von Tobias Dürr
- Datum 23.04.1998 - 06:23 Uhr
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