Die Berliner Neugründung ist noch nicht komplett und hat doch schon einen Ehemaligen-Verein. Des Rätsels Lösung heißt "Sommeruniversität". Deren zwei hat das European College of Liberal Arts, kurz ECLA, bereits organisiert und sich damit einen weltumspannenden Alumni-Club verschafft. Das College ist der Versuch einiger junger Leute, in Deutschland eine Hochschule mit humanistischem Profil aufzubauen - ein Studium generale, unterrichtet in englischer Sprache. Die beiden Sommerkurse waren Übungsläufe auf dem Weg zur Ganzjahresinstitution, für die lange Zeit das Geld fehlte.

Deshalb begannen drei junge Leute um Stephan Gutzeit, einen Absolventen von Stanford und Harvard und früheren McKinsey-Mann, im Jahr 2000 erst einmal mit einem siebenwöchigen Sommerprogramm für 80 Studenten aus 20 verschiedenen Ländern. Statt sich mit langwierigen Machbarkeitsstudien aufzuhalten, stürzten sich die Reformer in die Praxis. Aus den Jungakademikern wurden Experten für Marketing und Curriculum-Design, Studentenauswahl, Dozentenanwerbung - und Geldschnorren. Ihr Traum: eine Hochschule nach dem Vorbild der amerikanischen Liberal Arts Colleges, jener Vierjahresinstitutionen, die mit dem Bachelor abschließen.

In den ersten zwei Jahren müssen die Berliner Studenten eine Art Studium generale absolvieren mit Pflichtkursen in Sprachen, Naturwissenschaften, Mathematik oder Philosophie. Erst die letzten beiden Jahre wählt der Student ein oder auch zwei Hauptfächer oder ein Haupt- und Nebenfach. Das können Mathematik und Literatur, nur Philosophie oder die vorklinischen Fächer für angehende Mediziner sein. Damit unterscheidet sich das ECLA von anderen Neugründungen in Deutschland, die sich Universitäten nennen, in der Regel aber Ein-Fach-Hochschulen für Betriebswirtschaft und Management sind. Während hierzulande der Ruf lauter wird, die Hochschule müsse stärker berufsbezogen ausbilden, wollen die ECLA-Gründer dem Schmalspurexperten den humanistisch gebildeten Generalisten gegenüberstellen.

Will man Managern wie Rolf Breuer oder Norbert Walter von der Deutschen Bank glauben, braucht gerade die Wirtschaft solche Allroundgebildeten. Auch andere Universitäten wie die auf Wirtschaftswissenschaften spezialisierte Hochschule in Sankt Gallen haben sich auf diesen Trend eingestellt. Seit dem Wintersemester müssen dort alle Studenten ein Viertel ihrer Leistungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften erbringen. Ähnliches sieht das Northern Institute of Technology (NIT) der TU Hamburg-Harburg vor.

Studenten aus 20 Nationen

Das ECLA will die alte Tradition des Studium generale nach Deutschland zurückholen. Mit knappem Geld und nicht ganz seminarüblichen Räumen hat es das ECLA in den beiden ersten Sommeruniversitäten 2000 und 2001 zumindest geschafft, hoch begabte junge Leute aus aller Welt auf den Campus im alten Hufeland-Klinikum in Berlin-Buch zu locken. Eine 18-jährige Kasachin und eine ebenso junge Bulgarin liefen nach einem Hürdenlauf von wöchentlichen Aufsätzen, sokratischen Lehrgesprächen unter vier Augen (Tutorials) und Klausuren als beste Studenten durch das Ziel.

Bei der Abschlussfeier war der Präsident des Swarthmore College dabei, das in den alljährlichen US-Rankings regelmäßig den ersten oder zweiten Platz belegt. Er entschloss sich, beim ECLA mitzuarbeiten. Andere amerikanische Colleges haben sich verpflichtet, die Studienleistungen aus Berlin anzuerkennen. Die Dozenten kamen aus Berkeley, Stanford oder Oxford. Aus den beiden kalifornischen Topuniversitäten hatten sich im vergangenen Jahr gleich vier Assistenzprofessoren beworben; nur einer wurde genommen. Aber auch Koryphäen ihres Faches wie der vergleichende Literaturwissenschaftler Terry Eagleton aus Oxford oder der Philosoph Robert Pippin aus Chicago waren sich für den Unterricht am ECLA nicht zu schade.