K I N O Wetterleuchten des Lebens

Aus der Albtraumfabrik des David Lynch: Der obsessive Film "Mulholland Drive"

Vielleicht ist das intensivste Filmerlebnis eines, von dem wir kaum je werden berichten können. Kurz vor dem Tod, heißt es, flackert noch einmal unser Leben am geistigen Auge vorüber. Keine Bildfolge im Kino, keine Montagesequenz wird wohl den Eindruck dieses letzten Filmerlebnisses erreichen. Schwer zu sagen, wie unser Gehirn die titanische Aufgabe löst, aus der unglaublichen Menge an abgelagerten, verschütteten, womöglich geschönten Erinnerungen ad hoc ein angemessenes Abschlusswerk zu schaffen. Und was wäre überhaupt angemessen? Worauf dürfen wir hoffen, was müssen wir fürchten?

Wer weiß, ob die letzte Vorstellung wirklich die Essenz des Vergangenen zusammendrängt und also der Wahrheitsfindung dient. Ebenso gut könnte sie im Dienste unserer Wünsche und Begierden stehen und im Handstreich eine finale Erfüllungsfantasie zu inszenieren versuchen. Oder es brechen unter dem Vorschein des Todes zuvor in Schach gehaltene Ängste aus und übernehmen die Regie. Vielleicht findet sogar ein Kampf statt zwischen den Wünschen und den Ängsten und den Resten an Verstand. Und was dabei herauskäme, wirkte, wenn man sich die schillernde Kopfgeburt einmal wirklich nüchtern ansehen könnte, verschroben, rätselhaft und voller widersprüchlicher Energien. Es ließe sich der leidenschaftlich verknotete Ballen Bilder sicher in Ruhe entwirren. Doch dazu bliebe ja keine Zeit mehr. Ist die Vorstellung aus, dann ist alles aus.

Magie der schwarzen Limousine

Kein Filmemacher kommt in seinen Werken dieser last picture show näher als David Lynch. Das ist, zugegeben, eine Behauptung, die kaum zu beweisen ist. Interessanter ist an dieser Stelle aber ohnehin eine Art Umkehrschluss. Man kann das Kino von David Lynch besser verstehen, wenn man es sich vom letzten Wetterleuchten des Daseins her denkt; wenn man seine Filme als Experimente sieht, in denen der Wunsch nach einer vernünftigen Geschichte antreten muss gegen einen wachsenden Ansturm unkontrollierbarer Obsessionen. Nicht erst sein vorletztes Werk handelte vom Lost Highway. Lynchs Filme geben häufig scheinbar die Orientierung ab, nehmen überraschende Ausfahrten auf merkwürdig verschobene Realitätsebenen oder unterwerfen sich, wenigstens für eine Weile, fremden Mächten. Lynch ist ein Regisseur, der besonders gern vom Verlust der Regie erzählt, von den Abwegen der Fantasie, nachdem der Verstand die Zügel hat fahren lassen. Der Verstand selbst ist der Highway, der sich im Dunkel verliert. Plötzlich gelten andere Verkehrsregeln, und neue Gefahren tauchen auf. Ob der freie Fall in die Besinnungslosigkeit ein gutes Ende nimmt, hängt nur noch davon ab, welche Obsession siegreich aus dem inneren Gewitter hervorgeht.

Man muss schon sehr bedächtig, stur und vorsichtig sein, um nicht vom geraden Weg abzukommen. In Lynchs letztem Film The Straight Story ist es dem Helden, einem alten Mann, gelungen, auf seinem Minitraktor mehrere hundert Meilen zurückzulegen, um sich mit seinem Bruder auszusöhnen. Aber dem Film war auch deutlich anzumerken, dass nur ausnahmsweise, gewissermaßen aufgrund eines besonderen Gnadenerlasses, der Held nach Plan das Land durchmessen konnte und der Regisseur für dieses eine Mal alle sonderbaren Geschöpfe vom Seitenstreifen fern und im Zaum hielt.

Jetzt allerdings ist David Lynch wieder auf einer windungsreichen Straße unterwegs, dem Mulholland Drive oberhalb von Los Angeles. Gleich zu Beginn sieht man aufs nächtliche Lichtermeer der Stadt hinab, während eine schwarze Limousine langsam Kurve um Kurve hinaufzieht. Die dunkelhaarige Frau im Fond wird plötzlich vom Beifahrer mit einer Waffe bedroht. Dann kommt es zu einem Auffahrunfall. Die Frau überlebt den Zusammenprall als Einzige; unverletzt, aber unter Schock steigt sie hinab in die Stadt und legt sich zum Schlafen in eine fremde Wohnung. Sie wird, wenn sie aufwacht, ihr Gedächtnis verloren haben.

Mulholland Drive war ursprünglich als zehnteilige Fernsehserie geplant. Zu etwa zwei Dritteln besteht der Kinofilm noch aus jenem Material, das Lynch 1999 zu einem TV-Pilotfilm montierte. Der gefiel den Programmchefs des Senders ABC nicht. Das Projekt wurde storniert. Ein Jahr lang lag das Material im Regal, bis Lynch von der französischen Produktionsfirma Studio Canal Plus das Angebot erhielt, nachzudrehen und aus der bisher offenen Geschichte einen abgeschlossenen Kinofilm zu machen. Er hat das Angebot angenommen. Nun ragen zwar noch an einigen Stellen Figuren ins Bild, die ganz eindeutig für serielle Verwertung vorgesehen waren. Andererseits ist Lynch mit der zweieinhalbstündigen Kinofassung (nach allem, was man vom Pilotprojekt weiß) wohl eine der spektakulärsten Ruinen-Restaurationen der Filmgeschichte geglückt. Fast möchte man sogar an der Genese von Mulholland Drive das eingangs entwickelte Motiv ablesen: Ein schon dem Tode geweihtes Werk fantasiert sich kurz vor dem Ende ein neues Leben zusammen. Der Film, den wir nun im Kino sehen können, bedeutet dessen glorreiche Auferstehung.

Mulholland Drive handelt aber auch selbst im großen Bogen von einer Art Auferstehung, einem Last-Minute-Traum, der mit aller Gewalt gelingen soll - und der dann doch in jenen Albtraum zurückkehren muss, dem er einmal in höchster Not entsprungen ist. Es braucht allerdings eine Weile, bis man überhaupt etwas von dem großen Bogen ahnt, den Lynch schlägt; und es ist gut möglich, dass man den Film bis ganz zum Ende ansieht und den Bogen im Detail noch immer nicht erkannt und also auch keine Möglichkeit gehabt hat, die bis dahin bereits vorübergezogene Handlung an ihm neu auszurichten. Vielleicht gelingt das erst beim zweiten Sehen, vielleicht erst beim dritten Nachdenken, vielleicht aber schon durch die erste Kritik, die alles verrät.

Dunkle Gewalten ziehen die Fäden

Hier wird nichts verraten oder nicht sehr viel. Denn im Kino von David Lynch kommt es auf die Lösung (wenn es überhaupt so etwas gibt) weit weniger an als auf das Geheimnis, das ihr vorausgeht. Das mag zwar nach einer Lösung schreien. Aber dieser Schrei, dieses sich steigernde Verlangen, das schon bald die gesamte Atmosphäre des Films auflädt; das von Lynch gefördert wird durch seine immer wieder sich langsam in die Szene hineinsaugenden Einstellungen; das weiter verstärkt wird durch die nachglühenden Bilder von Peter Deming und die schwärende Musik von Angelo Badalamenti - dieses Verlangen ist der eigentliche Schlüssel zu Lynchs Werk. Lynch dreht ihn beständig im Schloss herum, weiter und weiter, aber er stößt die Tür nicht auf in den Raum, der dahinter liegt, oder nur einen Spalt breit, gerade weit genug, um zu erkennen, dass der Raum nicht leer ist wie meist im Horrorkino oder nur einen Aha-Effekt enthält wie in M. Night Shyamalans Filmen The Sixth Sense und Unbreakable. Nein, Mulholland Drive erzählt eine substanzielle Geschichte, die sich tatsächlich in allen wesentlichen Teilen erklären ließe. Trotzdem besitzt die Erklärung nur halb so viel magische Spannkraft wie das Rätsel, das sie überwölbt.

Lynchs Filme beschwören immer zweierlei: Sie träumen von der Erklärbarkeit des Lebens und zugleich von dessen Unerklärlichkeit. Wunderbarerweise gelingt ihnen dabei oft eine robuste Balance. Im besten Fall verstärkt jeder seltsame Gegenstand, jede okkulte Gestalt, jeder Schritt ins Dunkel mehr zugleich die Aura des Geheimnisvollen und die Aussicht auf eine Lösung. Lynchs tiefste Furcht mag es sein, dass die Welt allen Zauber und allen Schauder nicht wert ist, den er aus ihr heraus- und in sie hineinprojiziert; dass sie viel einfacher und weniger abgründig funktioniert als seine eigene Fantasie. Dagegen kämpft er an. Jeder seiner Filme ist, unter anderem, eine elegante Remystifizierungsmaßnahme. Sie soll verhindern, dass sein, dass unser aufgeklärtes Bewusstsein zu einem abgeklärten wird.

In Mulholland Drive tritt Lynchs eigene kleine Albtraumfabrik an gegen die große Traumfabrik Hollywood. Während der unabhängige Kleinbetrieb Lynch herausragende Arbeit am Kinozauber leistet, erzählt er ein bitteres Desillusionsmärchen aus der Studio- und Starindustrie. Es kommt eine blonde junge Frau namens Betty aus Deep River, Ontario, nach Los Angeles mit dem frommen Wunsch, eine gefeierte Schauspielerin zu werden. In der Wohnung, die sie bezieht, findet sie eine dunkelhaarige Frau, die offenbar nach einem Unfall ihr Gedächtnis verloren hat. Betty (Naomi Watts) hilft Rita (Laura Elena Harring) bei der Suche nach ihrer Vergangenheit - bis sie dabei auf die eigene Vergangenheit stößt. In der muss sie wieder verschwinden; an der muss sie schließlich verzweifeln.

In die Geschichte der zwei Frauen ist die Geschichte eines Filmprojekts hineingedreht. Betty soll bei einem Regisseur vorsprechen, denn (so sagt's die Agentin im Scherz) "der hat eine Rolle, für die würden Sie töten!". Tatsächlich ist die Rolle längst besetzt: mit Rita. Bettys Traum von der Traumfabrik, der wahrhaftig bonbonfarben begann, verfinstert sich. Dunkle Gewalten scheinen die Fäden zu ziehen, die Mafia zwingt dem Regisseur eine neue Hauptdarstellerin auf, und in einem fensterlosen, verwunschenen Oberstübchen sitzt ein verwachsener Gnom und hat das letzte Wort. Lynch verschränkt typische Hollywood-Topoi mit typischen Lynch-Topoi; in Mulholland Drive springen einem Motive entgegen aus Eraserhead, Blue Velvet, Wild at Heart, Twin Peaks und Lost Highway. Fleddert Lynch also mittlerweile sein eigenes Obsessionsarsenal? Sagen wir: Er pflegt es. Noch immer ist sein surrealisiertes Kino einzigartig in der Mischung aus kontemplativer Ruhe, groteskem Witz und mal schimmerndem, mal blendendem Grauen. Je spezifischer er seine filmische Weltverzauberung ins Werk setzt, desto näher liegen die Wiedererkennungseffekte. Kein Grund zur Klage. Wenigstens dieser auteur hält sein Privatuniversum noch zusammen.

Wer weiß, wie lange. Gehört zum Lynch-Touch nicht auch der wiederkehrende Eindruck, nur dieses eine Mal sei die überirdische Suggestion noch geglückt; gleich nach dem Abspann falle die fragile Faszination in sich zusammen? Man muss eben auch in dieser Hinsicht Lynchs Filme wie ein letztes, heftig leuchtendes Aufbäumen gegen den Tod ansehen. Ihre Remystifikation der Welt ist zugleich eine Remystifikation des Kinos. An dessen primärer Magie - von der Leinwand das Bekannte zurückzustrahlen als etwas großes Unbekanntes - hält kaum jemand so fest wie Lynch. Alle seine Umwege durch psychoanalytische Sumpfgebiete, Abgründe der Gewalt und schwarze Löcher haben zunächst ein sehr einfaches Ziel: das gebannte, elektrisierte Staunen. Das erstirbt langsam im Kino. Aber es ersteht wieder mit jedem Film von David Lynch.

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service