Er war zu weit geschwommen, konnte kaum mehr das Ufer erkennen, kam in eine kalte Strömung und verfing sich schließlich in einer Schlingpflanze. Er fühlte sich hinabgezogen, schluckte Wasser. Wie er sich ans Ufer gerettet hatte, wusste er nicht. "Seine Knie fühlten sich weich und nachgiebig an, es dauerte lange, bis er auf die Füße kam. Dort drüben, kaum auszumachen ohne Brille, musste das Hotel sein, darunter die Stelle, von der er losgeschwommen war. Er wusste noch, dass die Strömung ihn hinuntergezogen und dass er gekämpft und dann aufgehört hatte zu kämpfen, und da tauchten Bilder vor ihm auf, Bruchstücke von Erinnerungen, er wusste nicht, woher."

Daniel Kehlmanns Leser kennen diese Szenen an der Schnittstelle von Zufall und Notwendigkeit. Der junge Autor, 1975 in München geboren, in Wien, wo er heute noch lebt, aufgewachsen, zeigt sich damit als zeitgemäßer Romantiker, nicht nur aus Enttäuschung über die harten Wissenschaften, sondern auch aus der Einsicht in ihre, lebenspraktisch gesehen, engen Grenzen.

Der Rückgriff auf romantische Motive begründet sich bei Kehlmann durch den Mangel an Alternativen. Wer vor einer Mauer steht, kann probieren, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Er kann auch nach einem anderen Ausweg suchen.

Kehlmanns Figuren verfangen sich oft in ausweglosen Situationen. In der Wirklichkeit ihres Handelns, noch häufiger in ihrem Denken. Dabei landen sie vorzugsweise in einem Paradox. Das berühmteste Beispiel dafür: Ein Kreter sagt, dass alle Kreter lügen. Die Falle geht erst wieder auf, wenn man etwa einen Griechen für diese Behauptung namhaft machen kann. Mit diesem Modell arbeitet Kehlmann. Wo er vor der Wand steht, da hebt er einfach ab.

Julian, der junge Versicherungsangestellte, nutzt auf diese Weise den Zufall, diesen Badeunfall, um auch der Notwendigkeit zu entgehen. Für den Vortrag, den er im Beisein seines Chefs halten sollte, war es ohnehin zu spät geworden. Mit der Entschuldigung eines Badeunfalls wäre er auch nicht durchgekommen. Er entschließt sich darum, seinen Tod zu fingieren und sich unbemerkt aus dem Staub zu machen, um ein anderes, neues Leben zu beginnen.

Gesagt, getan beziehungsweise gedacht, gemacht. Doch dieser Versuch scheint viel schwieriger zu werden, als Julian angenommen hatte. Nicht nur der missliche Umstand, dass ihm gleichsam auf Schritt und Tritt Ereignisse der Vergangenheit einholen

all die Misserfolge in den Auseinandersetzungen mit seinem hochbegabten, ihm in jeder Hinsicht überlegenen Bruder

die kleinen Demütigungen in der Schule

Familiengeschichten dazu - sein ganzes Leben fügt sich zu einer Kette von Niederlagen. Selbst seine Dissertation passt sich da noch ein. Diese Studie über den holländischen Universalgelehrten Vetering wird bald nach Erscheinen in einer Fachzeitschrift gründlich verrissen.

Natürlich rückt sein Doktorvater sofort von ihm ab. Wieder ein Fehlschlag. Es gibt also viele gute Gründe für den jungen Versicherungsangestellten, eine zweite Chance zu suchen.

Nun sagt man, aller Anfang sei schwer. Wie viel schwerer müsste dann ein zweiter Anfang sein? Aber vielleicht ist ja hier wieder der Punkt erreicht, an dem Kehlmann abhebt. Wo sich die Wirklichkeit vermauert zeigt, bedarf es des anderen, vielleicht romantischen Auswegs. Julians Dissertation lässt weitere Möglichkeiten erkennen. Denn dieser (erfundene) Vetering, Briefpartner von Leibniz und einer der Entdecker des Differenzialkalküls, der auch die Grundlagen der modernen Risikokalkulation entwickelt hat, beschäftigte sich nicht nur mit den Problemen, an denen auch Kehlmann ständiges Interesse zeigt. Er behauptete auch, "dass ein Sterbender noch tagelang durch die allmählich unwirklicher werdende Welt seiner Einbildungen irren könne oder dass die fesselnde Kraft der Schwere keine Gewalt habe über den Geist eines freien Menschen". Vetering selbst soll sogar den Beweis für diese Behauptung angetreten haben, als er sich aus dem obersten Stockwerk seines Hauses stürzte.

Auch Der fernste Ort, bereits das vierte Buch des erst 26-jährigen Autors, wird mit leiser Stimme erzählt, aber in einer bildkräftigen Sprache. Diese Erzählung, ebenso fein wie genau "gearbeitet", mit vielen versteckten Bezügen, häufig verdeckten Verweisen und sanft gleitenden Übergängen, lässt den unmerklichen Schwund an Realität kaum erkennen. Julian verliert sich am Ende und holt so den Anfang wieder ein. Er hatte einen auf freier Strecke anhaltenden Zug verlassen und war im dichten Schneegestöber auf den Gleisen bis zum nächsten Bahnhof gelaufen. "Die Flocken fielen aus dem Himmel, unzählbar viele, das Weiß schien makellos. Für einen Moment, aus Gewohnheit noch, wunderte er sich, dass er nicht fror." Diese Verwunderung erweist sich als Zauberwort, in ihr verbirgt sich die ganze Kunstfertigkeit des Erzählers Daniel Kehlmann.

* Daniel Kehlmann: Der fernste Ort

Roman, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001

148 S., 17,80 e