Dieses Land hat keine Träume mehr. "Das Einzige, was bleibt: "hoffen, dass unsere Lage sich nicht noch weiter verschlimmert." Doch diese Hoffnung hat Gonzalo Garca Posse weitgehend aufgegeben. "Seit vier, fünf Jahren ist jedes Jahr schlechter als das vorhergehende. Es ist ein Abstieg ohne Ende", sagt der 25-Jährige. Die Konsequenz: Hinaus aus Argentinien. Weg aus der Heimat. So schnell wie möglich.

"Das Land kommt nicht voran. Wer hier bleibt, kann sich nicht entwickeln", erklärt Gonzalos Freund José Villazur. Auch er will Argentinien verlassen wie so viele seiner Landsleute. "Von zehn Freunden wollen sieben fortgehen", erzählen die beiden. Ihr Ziel: Deutschland. Gonzalo will Informatik studieren, José Gitarre und Gesang. Eingeschrieben haben sie sich bereits, alle nötigen Papiere an die deutsche Botschaft geschickt. Jetzt warten sie nur noch auf den ersehnten Stempel im Pass: "Am liebsten wären wir längst geflogen."

José und Gonzalo sind Nachfahren der Einwanderer, die einst auf der Suche nach einem besseren Leben aus Europa nach Argentinien kamen - und deren Enkel das Land nun in Scharen verlassen. Die Auswanderungswelle läuft zwar schon eine Weile, strebt wegen der tiefen Wirtschaftskrise der vergangenen Monate jetzt aber auf einen neuen Höhepunkt zu. Kurz vor Weihnachten gingen die Argentinier auf die Straße, hungernde Arme plünderten die Geschäfte, die Mittelklasse versammelte sich zu wütenden Demonstrationen. Die Regierung stürzte, der neue Interimspräsident Adolfo Rodrøguez Saá gelobte Besserung.

Allein: Nur die wenigsten glaubten ihm. Neue Demonstrationen vertrieben ihn kurz vor Neujahr wieder aus dem Amt - nach nur einer Woche. Und wie lange wird sich sein Nachfolger halten können?

José und Gonzalo gehören zur einst breiten, gut ausgebildeten Mittelschicht ihnen geht es vergleichsweise gut. Gonzalos Vater ist leitender Bankangestellter, er selbst hat studiert und arbeitet seit Jahren im Büro eines Wirtschaftsprüfers. Der Großvater von José kam als Klempner ins Land und arbeitete sich zum kaufmännischen Angestellten einer Versorgungsfirma hoch. Auch José und seine Schwester studieren. Seine Familie verkörpert den argentinischen Traum, der hieß: "Meinen Kindern soll es einmal besser gehen."

Josés Großvater glaubte noch daran und gab seine spanische Staatsbürgerschaft auf. Mit Stolz wurde er Argentinier.

Und er hatte ja Recht. Der Weg zum Aufstieg war eine gute Ausbildung, und die gab es für viele. Bildung ermöglichte das Wachstum der argentinischen Mittelschicht: Die Menschen wurden leitende Angestellte, Lehrer, Universitätsdozenten und andere Akademiker, Staatsangestellte, qualifizierte Arbeiter und Kleinunternehmer. Einst waren sie der Stolz des Landes, denn sie unterschieden es von Nachbarn wie Brasilien, wo die soziale Kluft größer ist.