Die "Halbwertszeit" ist kaum noch wiederzuerkennen. Eine große Koalition von Begriffsjongleuren hat ihr in den letzten Jahren die Substanz ausgetrieben und ein windiges Duplikat der physikalischen Größe in Umlauf gebracht, die um 1900 zur Beschreibung der radioaktiven Zerfallsprozesse eingeführt wurde.

Nahezu allem und jedem wird mittlerweile ein solcher Zerfall zugeschrieben.

So ist die Rede von Halbwertszeiten von Software, von Berufen, Kunstwerken und Denkmälern, von Begriffen, Musikhits und Szeneclubs, von öffentlicher Erregung, Fußballtrainern und sogar von Regierungen.

All dies, suggeriert das modische Halbwerts-Gerede, altere immer rascher und unterliege zunehmendem Verschleiß. Gern wird in diesem Zusammenhang etwa eine "dramatische Verkürzung der Halbwertszeit" beschworen, eine Redewendung, die schon Anfang der neunziger Jahre auftauchte. Das war noch vor der sogenannten "Internet-Revolution". Seitdem, so glauben selbst Medienexperten wie der Verleger Hubert Burda, "verändert sich die Halbwertszeit des Wissens fast monatlich". Kein Wunder, dass inzwischen sogar schon über "Wissen ohne Halbwertszeit" geklagt wird.

Solche alarmierenden Meldungen klingen angesichts der vermuteten Beschleunigung des modernen Lebens plausibel, tatsächlich sind sie aber unbegründet, unsinnig oder schlicht falsch. Die "Halbwertszeit des Wissens" lässt sich etwa schon deshalb nicht feststellen, weil "Wissen" nicht quantifizierbar ist

und auch die sonst noch bemühten Halbwertszeiten sind reine Schimären - nur so dahinfantasiert.

Daten gibt es nur über die Halbwertszeit von wissenschaftlichen Publikationen, gemessen an deren Zitierhäufigkeit. Sie allein begründeten den Transfer des physikalischen Begriffs in die Informationswissenschaft (siehe Kasten). Die bisher ermittelten Werte - etwa für einzelne wissenschaftliche Disziplinen und Zeitschriften - lieferten bisher aber nur Momentaufnahmen, aus denen sich keine Trends ableiten lassen.