Nun sitzen sie im Strafhof G.C. 0.64, ganz hinten, auf dem äußersten Rand der letzten Holzbank, und schauen gebannt auf den Angeklagten. Eine gepflegte Erscheinung, dunkle Krawatte, anthrazitgrauer Anzug, gestutzter Vollbart, Halbglatze, unter den buschigen Brauen eng stehende, wachsame Augen. Sieht so ein Scheusal aus? Soll das der Mann sein, der geplant hatte, dass schwarze Mädchen, wie sie es sind, erst gar nicht geboren werden?

Der Mann heißt Wouter Basson, ist 52 Jahre alt und von Beruf Arzt. Er wird zu den kaltblütigsten Killern der Apartheid gezählt. Die Anklage beschuldigt ihn, zum Mord angestiftet zu haben, letale Substanzen für die Liquidierung von politischen Gefangenen verteilt und selber Todesspritzen gegeben zu haben. Zeugenaussagen und sichergestellten Akten zufolge hat ein Forscherteam auf seine Anweisung hin Seuchenerreger gezüchtet, um Teile der schwarzen Bevölkerung zu sterilisieren oder auszurotten. Nelson Mandela, der unbeugsamste aller Widerstandskämpfer, sollte an Krebs sterben - verursacht durch Karzinogene aus Bassons Labors. Der Deckname seiner Mission lautete "Project Coast", "Projekt Küste", Aufbruch zu neuen Ufern. Gemordet wurde im alten Stil. In Südafrika vergleicht man den Doktor und seine Handlanger mit Naziwissenschaftlern.

Handbuch der Grausamkeiten

Die Geschichte beginnt in den frühen achtziger Jahren, in der Hochphase des Kalten Krieges, als das weiße Regime weltweit isoliert war und sich von Feinden umgeben sah: von der roten Gefahr des Weltkommunismus und von der swart gevaar aus Afrika. In Namibia, Angola und Mosambik erstarkten die Befreiungsbewegungen. Es war eine Zeit des kollektiven Verfolgungswahns, in der die Burenrepublik alle Regeln eines zivilisierten Staates aufhob. Damals beschloss der Generalstab der südafrikanischen Streitkräfte das Project Coast, die Aufrüstung mit chemischen und biologischen Kampfstoffen. Das streng geheime Militärprogramm der Apartheid war ursprünglich defensiv angelegt, aber bald schon kam die Produktion offensiver B- und C-Waffen hinzu. Mit der Umsetzung dieser Pläne wurde Oberstleutnant Wouter Basson betraut, ein junger, ebenso ehrgeiziger wie scharfsinniger Kardiologe und Militärmediziner. Er leistete ganze Arbeit: Am Ende besaßen die Südafrikaner eines der umfassendsten Arsenale an Biokillern, die seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurden.

Sieben Jahre ermitteln die Strafverfolgungsbehörden in Sachen Basson und Project Coast. Die Anklageschrift, 400 Seiten dick, liest sich wie ein Handbuch der Grausamkeiten. Wouter Basson ist in 63 Punkten angeklagt, unter anderem wegen vielfachen Mordes, wegen Beihilfe zum Mord, wegen schweren Betrugs und Drogenhandels. Am Montag, dem 4. Oktober 1999, eröffnet das Oberste Gericht in Pretoria die Verhandlung. Es beginnt der aufwändigste Prozess, der der Apartheid je gemacht wurde - und vermutlich der letzte.

August 2000. Alle, die im Gerichtssaal Platz genommen haben, sind weiß und männlich, ausgenommen die beiden schwarzen Zuhörerinnen. Die Männer sind Buren. Da ist Jaap Cilliers, der Chef des Verteidigerstabes, der sich einen Namen gemacht hat als Rechtsbeistand für rassistische Totschläger und Armeegenerale, die eines Massakers an Zivilisten beschuldigt wurden. Da sind die Staatsanwälte Anton Ackermann und Torie Pretorius, die früher schwarze Oppositionelle ins Gefängnis brachten. Und da ist der grauhaarige Richter in der karminroten Robe, Willie Hartzenberg. Auch er war ein treuer Mandarin des untergegangenen Regimes. Er wird demnächst das Urteil fällen, ganz allein, es gibt keine neutralen Geschworenen. Verhandelt wird in Afrikaans, der Sprache der Täter. Der kahle, düstere Saal, das traditionelle Procedere, die Akteure - alles wirkt so, als wäre man in die siebziger Jahre zurückversetzt. Hier, im Strafhof G.C. 0.64, richtet die Apartheid über sich selbst. Die Kosten des Mammutverfahrens, Verteidigung inklusive, trägt die neue, demokratische Regierung. Sie hat nicht einmal einen Beobachter in den Prozess entsandt.

Wouter Basson unterhält sich flüsternd mit seinem Hauptverteidiger. Gerade wird ein Belgier zu diversen Immobiliengeschäften vernommen, ein mühseliges Frage-und-Antwort-Spiel, das den Angeklagten sichtlich amüsiert. Was kann ihm dieser halbseidene Geschäftsmann - er ist einer von 200 Zeugen - schon anhaben? Wer könnte je sein Imperium durchschauen? Dieses Geflecht aus hundert Niederlassungen und Scheinfirmen auf drei Kontinenten, bestehend aus Golfplätzen, Jagdfarmen, Luxusvillen, Reisebüros, Bürohäusern und Pharmaunternehmen. In Brüssel, Windsor und Basel, in Florida und in Transvaal, in den Ardennen und auf den Kaimaninseln. Das globale Netzwerk des Dr. Basson diente der Verschleierung eines kriminellen Großprojekts und der persönlichen Bereicherung. Man schätzt, der Angeklagte habe umgerechnet rund 24 Millionen Mark auf seine Privatkonten abgezweigt.