Aber da waren noch die vier blauen Stahltruhen, die Basson bei seinem Bankmanager untergestellt und offenbar vergessen hatte. Sie enthielten Fachliteratur über Sarin, Soman, Tabun und VX, die vier gefährlichsten Nervengase, sowie jede Menge Material über das Project Coast. Er habe die Truhen nie gesehen, insistierte Basson. Wie aber private Fotos und Unterlagen dort hineingerieten, konnte er nicht erklären.

Kein Gedanke an ein Geständnis

Zwölf Stunden dauerte die nichtöffentliche Vernehmung vor der Wahrheitskommission. "Es entstand das Bild einer nepotistischen, sich selbst bereichernden Gruppe von Leuten", heißt es im Abschlussbericht. Der Zweck ihres Projekts sei gewesen, "Individuen zu ermorden und ganze Bevölkerungsgruppen gesundheitlich zu schädigen, ja auszurotten." Basson hätte womöglich seinen Kopf aus der Schlinge ziehen können, wenn er vor der Kommission ein volles Geständnis abgelegt und Antrag auf Amnestie gestellt hätte. Doch er hält sich nicht nur für unschuldig, sondern auch für unantastbar.

Man kann sich vorstellen, dass es Leute gibt, die wenig Interesse daran haben, die wahre Geschichte des Project Coast öffentlich zu machen. Und es mehren sich die Zweifel, ob der Richter die Wahrheit überhaupt herausfinden will. Willie Hartzenberg ließ bereits 15 Anklagepunkte fallen; einen Antrag, wegen Befangenheit ausgetauscht zu werden, wehrte er erfolgreich ab. Wie die Karikatur eines Richters sitzt er auf seinem Sessel, man sieht nur den Kopf mit der schweren braunen Hornbrille, die Schulterpartie, die belehrende Hand, steif und hölzern. Wochen, Monate, Jahre hat er den Angeklagten beobachtet, und manche seiner Anmerkungen deuten darauf hin, dass er ihm allzu viel Verständnis entgegenbringt. Hat Basson nicht an vorderster Front für die gleichen Ziele gekämpft? Für die Bewahrung einer Enklave der europäischen Zivilisation im barbarischen Afrika?

Die Verteidiger zeigen ihre Verachtung für dieses Gerichtsverfahren ganz unverhohlen - und ebenso für den neuen Staat, der sie bezahlt. Die Staatsanwälte scheinen in der opaken Welt des Doktor Basson ohnehin die Orientierung verloren zu haben; allein das Protokoll seiner Vernehmung umfasst 6000 Seiten. Hinter dem Chefankläger Ackermann liegen Aktenordner in wildem Durcheinander. Er stöhnt: "Ich kann Ihnen sagen, dieser Prozess ist eine langweilige Hölle."

"Lügen! Lügen! Lügen!", fährt Marlene Burger hoch. Das Centre for Conflict Resolutions, ein unabhängiges Institut der Universität Kapstadt, hat sie als Prozessbeobachterin nach Pretoria entsandt. "Ich bin völlig erschöpft. Man muss aufpassen, dass man hier nicht selber wahnsinnig wird." Wer ist dieser Wouter Basson? Die Frage hat sie sich tausendmal gestellt, aber sie fand keine Antwort. Ist er ein politischer Fanatiker? Auf keinen Fall. Haben ihn, wie die Mehrzahl der weißen Täter, rassistische Obsessionen getrieben, der lodernde Hass gegen die Schwarzen? Es deutet wenig darauf hin. Ist er ein vom Allmachtswahn besessener Mephistopheles? Auch das ist möglich. Aber es erklärt nicht seinen Hang zur Grausamkeit. "Basson ist ein gefährlicher Psychopath", befindet Marlene Burger. "Ich zweifle daran", fährt sie fort, "ob uns dieser Prozess der Wahrheit näher gebracht hat."

Im März wird voraussichtlich das Urteil gesprochen, aber niemand wagt eine Prognose. Immerhin hat der Prozess veranschaulicht, zu welchen Perversionen das weiße Regime fähig war und wie leicht es die internationalen Sanktionen unterlaufen konnte. Und in Wouter Basson spiegelt sich die Perfidie der Apartheid, des verstaatlichten Rassenwahns. Er wird stellvertretend für dieses System bestraft werden. Seine Vorgesetzten aber erfreuen sich fetter Pensionen und dürfen einem ruhigen Lebensabend entgegensehen.