Stimmt’s?Untrennbar

Oft hört man Schauergeschichten von Pärchen, die beim Geschlechtsverkehr überrascht oder erschreckt wurden und nur noch mit ärztlicher Hilfe getrennt werden konnten. Was ist dran? Ludger Rademacher, Göttingen von Drösser

Erzählungen von solchen Missgeschicken gibt es zuhauf in der medizinischen, aber auch in der populären Literatur. So sang in den Siebzigern Hannes Wader in seiner Ballade vom Tankerkönig über das Paar, das im Auto aufgeschreckt wurde: "Meine Bekannte hatte 'nen Krampf, und jetzt hängen wir fest!" Während im Lied noch eine Stecknadel als "Gegenschock" Abhilfe schafft, ist der penis captivus in den medizinischen Berichten meist nur dadurch zu befreien, dass der Krampf der Frau durch eine Narkose gelöst wird.

Starke Scheidenkrämpfe, auch Vaginismus genannt, sind ein verbreitetes Phänomen. Aber sie treten meist vor einem beabsichtigten Geschlechtsverkehr auf, sodass es gar nicht erst zum Vollzug kommt. Dass die Krämpfe während des Akts eintreten und dann noch so stark, dass der Mann wie ein kopulierender Hund festgeklemmt wird - dafür ist die empirische Basis bestenfalls dünn. Die meisten Fachpublikationen beziehen sich auf einen Artikel, der 1884 in den Philadelphia Medical News erschien. Dort berichtete ein gewisser Egerton Y. Davis, angeblich Arzt in Montreal, von einem dramatischen Fall, der sich in England abgespielt habe. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass Davis ein Pseudonym des bekannten Mediziners Sir William Osler war, einem Mitherausgeber der Medical News. Der wollte seinem Kollegen Theophilus Parvin, der kurz zuvor in dem Blatt einen Artikel über Vaginismus veröffentlich hatte, einen Streich spielen - was ihm auch bestens gelang, mit weit reichenden Folgen.

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Die angeblichen Fälle von penis captivus sind fast immer mit außerehelichem Sex verbunden. Und seit der nicht mehr so skandalös ist, gibt es auch weniger entsprechende Berichte. In den letzten 50 Jahren wird kaum noch davon erzählt, medizinisch dokumentierte Fälle gibt es überhaupt nicht. Deshalb kann man getrost davon ausgehen, dass die Geschichte vom untrennbar vereinigten Pärchen ins Reich der Fantasie gehört. Christoph Drösser

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Audio: www.zeit.de/audio

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