Jedes Volk hat die Affären, die es verdient. Das Märchen von der Praktikantin Monica und dem Präsidenten Bill zum Beispiel: Diese Mischung aus Liebe und Feigheit, Romantik und Schmutz war ebenso peinlich wie grandios - und sehr, sehr amerikanisch.

Haben wir die Affäre Semmeling verdient? Also Dieter Wedels Fernsehserie inklusive dieser heimeligen Welt aus Korruption und Kleingeisterei? Vertraut ist sie uns, sie begegnet uns in jedem Wahlkampf, an jeder Ecke, in jedem Taxifahrer, der sich nach der Summe erkundigt, die man auf der Quittung sehen möchte, in jedem Handwerker, der fragt, ob man eine Rechnung benötige. Nur der alte Semmeling, dieser sympathische Trottel, weiß nichts von den tausend ganz legalen Tricks, und wenn er wie ein Opferlamm ins Finanzamt schleicht, dann ist ganz klar, dass er geschlachtet wird

während der smarte Unternehmer, der eben mal hundert Mille auf den Tisch des Hamburger Rathauses blättert, beides zugleich ist: der Fuchs, der die Gans stehlen will, und der Hase, der von nichts weiß.

Wahr ist, dass Wedels Serie nach der ersten Sendung, die von siebeneinhalb Millionen gesehen wurde, an die drei Millionen Zuschauer verlor - zu fahrig, unübersichtlich war der Start. Erstaunlich aber auch der Gleichmut, mit der diese realitätsgesättigte Schmierenkomödie aufgenommen wird. Zwar fragen Hamburger Zeitungen mit scheinheiligem Augenaufschlag: Ob denn die SPD wirklich so korrupt sei? Nee, sagt die SPD. Ach nee.

Empören tut man sich über das Außergewöhnliche, den Skandal. Was Wedel schildert (Hamburger Filz etc.), ist kein Skandal, sondern gewöhnlich. Kohls Spendenaffäre, Kochs "brutalstmögliche" Aufklärung oder die jüngsten alten Finanzierungspraktiken der CSU: Darüber regt sich kaum einer mehr auf.

Warum das so ist, zeigt Wedels Film: Der Unterschied zwischen denen "da oben" und uns "da unten" ist passé. Alle lassen fünfe gerade sein, und der Unterschied besteht nur noch in der Zahl der Nullen, die der Fünf folgen.

Gemeinsames Hassobjekt sind Finanzamt und Steuerfahndung, darüber hinaus ist kein moralischer Stern, der leuchtet. Damit ist aber auch die alte Ideologiekritik gegenstandslos. Wenn sich die Verhältnisse derart offen (früher hätte man gesagt: schamlos) enthüllen, wenn alles auf dem Tisch liegt, aber keiner danach kräht und nur eine amüsante Serie dabei herausspringt, dann sind offenbar die Ganoven unter sich. Hoch die Tassen.