Seit einigen Tagen gibt es in der Union nicht nur zwei erklärte Kanzlerkandidaten, es gibt auch zwei Interpretationen, was das zu bedeuten hat. Nach der einen spiegelt sich im Wettbewerb zwischen Angela Merkel und Edmund Stoiber der ganze personelle Reichtum der Opposition. Gerade darin zeige sich ihr begründeter Anspruch, im kommenden Herbst die Bundesregierung zu stellen. Die zweite Interpretation ist realistischer. Ihr zufolge ist die Union gerade dabei, mit einem veritablen Machtkampf ihr Hoffnungsfenster zuzuschlagen, das sich mit der wirtschaftlichen Misere und den machtpolitischen Unsicherheiten der Koalition gerade einen Spalt breit geöffnet hat. Auf der Klausurtagung der CDU am Wochenende in Magdeburg wird sich zeigen, ob Angela Merkel die inhaltlichen und machtpolitischen Argumente akzeptiert, die für die Stoiber-Kandidatur sprechen und die ihr abfordern, wozu sie bislang nur selten bereit war: den Rückzug.

Lange sah es in der ablaufenden Legislaturperiode so aus, als könne die rot-grüne Koalition beruhigt und unangefochten ins Wahljahr gehen. Erst mit den ernüchternden Nachrichten aus der Wirtschaft und vom Arbeitsmarkt hat sich die Lage für die Regierung dramatisch verändert. Für die Union, die ihre unerwartete Erfolgschance wahrnehmen will, ist es nun zwingend geworden, den Kandidaten zu präsentieren, der am ehesten in der Lage ist, die Regierung dort anzugreifen, wo ihre Bilanz erkennbar Schwächen zeigt. Dass es sich dabei eher um Edmund Stoiber als um die CDU-Vorsitzende handelt, ist offenkundig.

Punkten mit Bayerns Bilanzen

Bayern gehört zu den reichsten Regionen der Republik. Die Wirtschaft zeigt - nicht zuletzt dank einer gezielten Privatisierungs- und Investitionspolitik der Staatsregierung - Modernisierungskraft. Und mit seinem demonstrativen Willen zum sozialen Ausgleich hat Stoiber in der Vergangenheit manch innovationsverliebtem SPD-Politiker auf dem ureigensten Feld der Sozialdemokratie Konkurrenz gemacht. Was also wäre für eine machtwillige Opposition naheliegender, als mit dem, der die bayerische Bilanz zu verantworten hat, in die Bundestagswahl zu gehen? Auch wenn Stoiber klugerweise nicht den Eindruck erwecken wird, er könne und wolle aus der Bundesrepublik ein großes Bayernland modellieren, so muss er sich doch nicht einfach darauf beschränken, Wünschenswertes nur zu propagieren. Er kann auf die bayerischen Erfolge verweisen, während seiner Konkurrentin kaum mehr bleibt als das vage Versprechen, sie tauge auch für kluges Wirtschaften.

Dagegen lässt sich nicht viel sagen, dafür allerdings auch nicht. Außer der problembewussten Ankündigung, nun ginge es um eine Neudefinition der sozialen Marktwirtschaft "unter den Bedingungen der Globalisierung", hat Angela Merkel kaum etwas vorzuweisen. Ihre wirtschaftspolitischen Proklamationen blieben bemüht und abstrakt. Sie könnte lediglich die ökonomischen Defizite der Bundesregierung benennen, eine attraktive Wahlwerbung aus eigener Kompetenz fiele ihr dagegen weit schwerer als Stoiber.

Die Freunde sind verschwunden

Dennoch traut sich Angela Merkel die Kandidatur in dem heraufziehenden Wirtschaftswahlkampf offenkundig zu. Das zeugt von ihrem ungebrochenen Selbstbewusststein. Doch darin steckt zugleich eine gewisse Realitätsferne, gespeist aus Ehrgeiz und Machtbewusstsein. Die zeigt sich auch in der Entschlossenheit, mit der sie die Tatsache ausblendet, dass sich die einflussreichsten Köpfe ihrer eigenen Partei offen oder versteckt für die Kandidatur des CSU-Vorsitzenden aussprechen. Es sind nicht nur die älteren und konservativen in der CDU-Spitze. Selbst erklärte Liberale, wie Peter Müller oder der Niedersachse Christian Wulff, die lange zu den Sympathisanten von Angela Merkel gehörten, sind auf Distanz zur Vorsitzenden gegangen.