Berlin, geschlossene Stadt.

Die PDS hat den neuen Berliner Kultursenator stellen dürfen. Wieso spielt da niemand einen Tusch? Weil die Staatsoper Unter den Linden mit samt Daniel Barenboims Staatskapelle erst einmal für sechs Wochen auf Tournee nach Japan entschwunden ist, was den ausgemergelten Berliner Steuerzahler dem Vernehmen nach nichts kosten soll, außer dass 21 Tage lang keine Oper ist. Immerhin zehn Abende lässt die Deutsche Oper in diesem Monat den Vorhang unten, die Komische Oper schafft ebenfalls zehn Schließtage. Christian Thielemann dirigiert im Januar einmal. Hallo, ist überhaupt noch jemand zu Hause? Der kommende Kulturhaushalt der Hauptstadt wird um zehn Millionen Euro leichter sein. Acht Seiten widmet die Koalitionsvereinbarung zwischen Rot und Rot der "Kulturstadt Berlin". Die Anzahl der neuen Vorhaben auf dem Felde der Kultur: zwei. Das erste: "Die Koalition will das geplante Denkmal für Rosa Luxemburg nach einem künstlerischen Wettbewerb auf dem gleichnamigen Platz in Mitte realisieren." Das zweite ist genau genommen gar kein kulturelles Vorhaben, es wird auch nur in den Protokollnotizen erwähnt. Dafür ist es weitgehend kostenneutral: "Die Koalition wird sich für die Wiederherstellung der Ehrenbürgerschaft Nikolai Bersarins einsetzen." Der Generaloberst Bersarin war erster sowjetischer Stadtkommandant, und zwar vom 28. April bis zum 16.

Juni 1945, als er bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Das "Labor der deutschen Einheit", wie sich Berlin in diesen Tagen gern nennt, wird in Zukunft also bei Gelegenheit ebenfalls Schließtage einlegen. Das Modell dafür liefern die Opern, die ja auch immer mal wieder zusammengelegt werden sollen.

Und dann gibt es in der Koalitionsvereinbarung noch eine Notiz, die aufmerken lässt. Da heißt es unvermittelt - als kröche plötzlich Friedrich Schiller aus dem Gully und wollte Rosa Luxemburgs Sockel erklimmen: "Die Mittel für den Fonds für bezirkliche Kulturarbeit werden den Bezirken nach dem Prinzip des ,veredelten Bürgers' zur Verfügung gestellt." Schon aus diesem Grund hat Berlin nach dem neuen Kultursenator gefiebert, denn nur ein solcher vermag dem Rest der Welt zu erklären, worin wohl das Prinzip des "veredelten Bürgers" bestehe und was der veredelte Bürger abends treiben solle, wenn die Opern dicht und die Berliner Kultur gerade mal wieder auf Montage gefahren ist.

Mittellos.

Unter dem Titel Ausmisten bei Fürstens berichtete Claudia Herstatt in der ZEIT Nr. 2/2002 von dem, was man auch den Verfall einer florierenden Familie nennen könnte: dem ratenweisen Ausverkauf der Kunst- und Kulturschätze der Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen. Erst die Hofbibliothek, dann die Inkunabeln, dann die Musikalien, dann die Nibelungenhandschrift C und jetzt die Gemäldegalerie, durch deren Auszug aus dem Museum ein kostbares Kunstkammerensemble zerstört wird. Pläne für den Verkauf werden zwar noch dementiert, aber ausgelagert hat man das Kunstgut für alle Fälle, und das Land Baden-Württemberg, das nicht einmal, wie irrtümlich erwähnt, einen Etat für Sonderausstellungen hat, ist wohl wieder am Zuge. Es sei denn, Julian Nida-Rümelin profiliert sich mit einem überraschenden Beitrag zur Erhaltung eines innovativen Projekts. Von den Fürstenbergs aber wird bleiben das Bier.

Ein Prosit der Verkäuflichkeit!