Weltrekord! Das längste Streichquartett der Welt. Morton Feldman, Zweites Streichquartett. Vierstundenzweiundfünfzigminutenfünfunddreißigsekunden, jedenfalls in der Einspielung (hat [now] art 4-144, Vertrieb: Helikon) mit den Streichern des Ives Ensemble. Josje ter Haar, Janneke van Prooijen, Ruben Sanderse und Job ter Haar heißen die Marathonhelden. Das Stück wirft Fragen auf: Was ist Zeit in einer Zeit, die nie Zeit zu haben scheint? In einer Kultur, die den Dreisekundenschnitt zum Maß aller Dinge erhoben hat und von einer rapide schrumpfenden Aufmerksamkeitsspanne sekundiert wird - was soll da ein Fünfstundenstück? Eine Antwort ist: Es wird getragen vom Geist des Widerspruchs. Und: In der Entfaltung von Zeit sind Erlebnisse und Erkenntnisse möglich, von denen die Sekundenschnapper wohl auf immer ausgeschlossen sein werden.

Mit "Meditation" - einer beliebten (wo nicht gar "dekadenten") Spielart von Zeit-Askese - lässt sich dem Stück nicht beikommen. Denn nicht Abschottung und Versenkung ins eigene Ich sind Zweck dieser Musik, sondern eher das Gegenteil - Öffnung und selbstvergessenes Lauschen. Es ist in Feldmans Streichquartett auch allerhand zu hören, eine Kumulation von Variationspotenz geradezu, die sich unter mannigfachem Handikap entfaltet (in der Kunst führt oft die Fessel zur Freiheit). Von A bis Z herrscht dasselbe Einheitstempo (Viertel = 63), es gibt keine kontrastierenden Sätze, keine stimmungsträchtigen Kontraste.

In zarter Dynamik zieht das Spiel der Motive vorüber, verweben sich die Muster der vier Instrumente ohne jeglichen Drang zu einem Ziel. Kaum einmal ist Heraklits Rede von der Unmöglichkeit, in denselben Fluss springen zu können, so anschaulich, als wenn die Musik in dutzendfacher Wiederholung vor sich hin strudelt: Denn die wahrgenommenen Zusammenhänge scheinen sich fortwährend zu verschieben - das Gleiche ist eben nicht dasselbe. Feldmans große Kunst der "Fortschreibung" besteht nun darin, dass er mit einem Minimum an Material einen abendfüllenden Bogen zu schlagen vermag. Und die Kunst der Musiker besteht darin, dass sie den (fast) unendlich langen Atem haben, ihn mit Intensität aufzuladen.

Wenn also Kultur zum Ereignis werden soll, hier der Seminarplaner: Eine CD mit dem Zweiten Streichquartett von Morton Feldman, ein Kopfhörer, ein angenehmer Ausblick und Zeit. Viel Zeit. Satisfaction guarantee.