Die Bonsai-Frage, auch wenn es um sie in den letzten Jahren still geworden ist, kann nicht als erledigt betrachtet werden. Beispielsweise ist es noch immer nicht gelungen, Käfer und Gärtner durch geschicktes Beschneiden der Beinchen auf das Miniaturformat zu bringen, das maßstabgerecht zu den Zwergbäumen passen würde. Von dem Attentat auf das World Trade Center ist dagegen in Florida schon eine erste Bonsai-Fassung geliefert worden ist. Die Boeing wurde zur Cessna verkleinert, der muslimische Fanatiker zum selbstmörderischen Schüler und der Gebäudeschaden zum Glasbruch. Man fragt sich allerdings, wie die Bonsai-Version einer militärischen Anwort aussehen könnte

vielleicht indem man den Eltern des Zwergattentäters das Eigenheim zertöppert und ultimativ die Herausgabe des Vaters verlangt, der sich womöglich im Keller versteckt. Aber worin sollte die Beteiligung der Europäer bestehen: etwa in einem Tretboot, das die Deutschen über den Atlantik schicken? Die Dauer einer solchen Passage wäre das Gegenteil der erstrebten Verkleinerung. Es ist allerdings strittig, ob der Bonsai-Gedanke auf alle vier Dimensionen Anwendung finden muss

die berühmten Bäumchen unterliegen ja auch dem Jahreszeitenwechsel ihrer normal großen Verwandten. Das Jahr auf Tagesdauer zu bringen wäre eine reizvolle Aufgabe für die Forschung, die aber gewiss den erfolgreich geschrumpften Horizont der Wissenschaft übersteigt.

Leichter ist es gefallen, in der fünften, der geistigen Dimension tätig zu werden

von dem religiösen Fanatismus gibt es zahllose Bonsai-Varianten in den manischen Hobbys und fixen Ideen der Angestelltenwelt. Ihr ist nichts so klein, als dass es nicht zum Gegenstand mörderischer Energien werden könnte.

Ein gutes Beispiel ist der Wachtelkönig unseligen Angedenkens, über den fast eine Hamburger Stadtregierung stürzte. Wachtelkönig, wir erinnern uns, war eine winzige Imbisskette, die Bonsai-Hühner zum schnellen Verzehr grillte.

Die regierenden Sozialdemokraten sahen darin eine Verhöhnung des gesunden Arbeiterappetits. "Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu wenig" lautet der Wahlkampfslogan, mit dem sie gegen den so genannten Kleinen Hunger mobil machten. Dieser aber, der damals noch einen eigenen Werbespot im Fernsehen hatte, rächte sich furchtbar. "Sind Sie angemeldet?", versuchte noch die Vorzimmerdame des Bürgermeisters zu fragen, da stand der Zwergwähler schon kaktusgroß vor dem Chef. Seither ist es keinem SPD-Politiker mehr gelungen, auf Augenhöhe des Bürgers zu gelangen.