Der Albatros an seiner LeineSeite 2/2

In den Bühnengoldrahmen hineingehängt ist eine Art Laufsteg, der sich als Wippe entpuppt: Mal neigt er sich gefährlich nach links, mal nach rechts. Der Steg schwebt in einigen Metern Höhe, und eine mickrige Weide sprießt aus der Bühnenmitte. Unter dem Bäumchen, ins offene Nichts, hängt ein Wurzelballen.

So sind Wladimir und Estragon allseitig von Abgründen umgeben, dem des Himmels und dem der Erde. Und die Himmelsbewegungen erinnern an das Geschehen im Sichtfenster eines Spielautomaten, in dem sich Sonne und Mond abwechseln.

Das Universum ist auf Sandkastengröße heruntergebracht: Wenn Estragon sich einen Schritt zu weit von Wladimir wegwagt, ist er schon fast verschollen.

Und da der Tod bei Beckett immer nur einen Moment entfernt ist, gibt es hier auch keinen Unterschied zwischen einer Minute und einer Ewigkeit.

Hartmann hat den Godot erweckt wie ein Gemälde. Und es stellt sich heraus, dass die Stummfilm-Clochards in ihrem goldenen Rembrandt-Rahmen nichts so sehr wünschen wie das Verschwinden. Sie wollen sich in den Tod retten, aber zur Unsterblichkeit sind sie verdammt, zur ewigen Suche nach dem Strick.

"Dass wir unsere Unsterblichkeit ertragen könnten - das wäre das Höchste", hat Nietzsche gesagt. Der Entertainer Harald Schmidt lässt jeden Morgen einen Zettel an die Eingangstür seiner Produktionsfirma hängen, auf dem verzeichnet ist, wie viele 14- bis 49-Jährige seine Show am Vorabend gesehen haben. Ist es ein Wunder, dass Luckys Unsterblichkeit ihn so anzieht?

 
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