Der argentinische Präsident Eduardo Duhalde lernte seine Frau Hilda Beatriz im Schwimmbad kennen. Damals, vor mehr als 30 Jahren, war der attraktive junge Jurist doch als Lebensretter beschäftigt und verstand es, die junge Dame für sich zu gewinnen. Doch nicht nur sie - auch seine Partei lernte den peronistischen Politiker mit der Zeit als Nothelfer in schwierigen Fällen lieben. Als Bürgermeister, Gouverneur und Vizepräsident erwarb er sich den Ruf, der ihm nun zum höchsten Posten im Lande verhalf, zur Präsidentschaft - und damit auch zur Chance, der Retter einer von Krisen geschüttelten Nation zu werden.

Kein leichter Job. Der fünfte Präsident innerhalb weniger Wochen muss nicht nur ein verzweifeltes Land aus der wirtschaftlichen Rezession führen, das Vertrauen der internationalen Kapitalanleger in die Währungspolitik wiedergewinnen, den Peso geordnet aus der Dollarbindung entlassen, ein Schuldenmoratorium erreichen und eine Hyperinflation verhindern. Er muss vor allem der tief verunsicherten Bevölkerung wieder Vertrauen in den Staat und die politische Klasse des Landes einflößen. Und all das bis zu den nächsten Wahlen, in zwei Jahren.

Dass ausgerechnet Duhalde zum Reformator eines bankrotten politischen Systems werden soll, ist eine durchaus ironische Pointe der aktuellen Krise. Denn der 60-jährige Politiker aus der Provinz Buenos Aires verkörpert das politische Establishment des Landes in Reinkultur - und muss daher wie eben dieses Establishment die Misere des Landes mitverantworten: Duhalde startete seine Karriere 1974 als Bürgermeister seiner Heimatgemeinde. Langsam, aber stetig arbeitete er sich bis zum Vizepräsidenten von Carlos Menem hoch, zerstritt sich schließlich mit dem populären Präsidenten und ließ sich daraufhin zum Gouverneur von Buenos Aires wählen.

Von 1989 bis 1999 herrschte er über die größte und mächtigste Provinz des Landes, in der fast ein Drittel aller Argentinier leben. Die Bilanz dieser Zeit, seiner Politik als Gouverneur, lässt viele Beobachter daran zweifeln, dass er der richtige Mann für die derzeitige Krise ist, einer, der herkulisch die argentinische Wirtschaftsmisere ausmisten wird. Zwei Zahlen reichen zum Beleg: Unter seiner Ägide verdoppelte sich damals nicht nur die Zahl der Staatsangestellten, und die Schulden der Provinz stiegen um mehr als das Zehnfache (von 124 Millionen Dollar auf 1,57 Milliarden).

Doch Eduardo Duhalde versteht sich zumindest auf das sensible Spiel der politischen Kräfte. Er war nicht nur immer pragmatisch genug, politisch notwendige Kompromisse einzugehen, er beherrscht zudem die wichtigste Maxime der argentinischen Politik: Geben und Nehmen. Als Gouverneur verteilte er Brot an die Armen, baute Schulen und Brücken wie kaum jemand zuvor - und sorgte gleichzeitig dafür, dass die Seinen auch nicht zu kurz kamen: Korruption und Verbindungen zum organisierten Drogenhandel wurden ihm nachgesagt, aber nichts davon konnte bewiesen werden, er war verwickelt in einige Polizeiskandale, darunter den Mord an einem Pressefotografen. Kaziken nennt man wie in vielen Ländern Lateinamerikas solche Berufspolitiker, die ihren Einfluss auf legale und illegale Weise nicht nur für die eigene Partei, sondern auch für sich selbst und ihre Verwandten nutzen.

Die Wähler belohnten seine Mischung aus Vetternwirtschaft und Populismus gern und reichlich: Zwar unterlag er bei den Präsidentschaftswahlen 1999 haushoch seinem Konkurrenten Fernando de la Rua von der Radikalen Bürgerunion - insofern ist es eine pikante Wendung der Geschichte, dass er nun ausgerechnet von diesem das Amt erbt. Doch davor und danach gewann er wiederholt Mehrheiten, zuletzt bei den Senatswahlen im Oktober 2001, als er die meisten Stimmen errang. An Duhalde führt seither kein Weg mehr vorbei. Er war endgültig zu einer der wichtigsten Machtfiguren des Landes avanciert und spielte sich in den Wirren der vergangenen Wochen langsam, aber sicher nach oben, bis ihn seine Parlamentskollegen am 1. Januar mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten wählten. Jede Fraktion hatte allerdings ihre Hintergedanken dabei: Duhalde ist ein Kompromisskandidat. Er bietet der Radikalen Bürgerunion die Möglichkeit, sich von ihrem Debakel als Regierungspartei bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen 2003 wieder zu erholen. Seiner eigenen Partei, den Peronisten, hat er versichert, dass er nach der zweijährigen Amtszeit nicht noch einmal antreten wolle. Damit ebnet er den Weg für eine Wiederwahl seines ewigen Kontrahenten, des Expräsidenten Carlos Menem. Der muss laut Verfassung bis 2003 warten, um zum dritten Mal in den Präsidentenpalast einziehen zu können.

Carlos Menem und Eduardo Duhalde, beide sind Peronisten, beide Kaziken - und trotzdem könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Nicht nur in Stilfragen, wo der eher nüchtern-sachlich und bescheiden auftretende Duhalde sich wohltuend vom Sonnenkönig-Image Menems abhebt, sondern auch in politischen und wirtschaftlichen Sachfragen. Während Menem dem Neoliberalismus frönte, privatisierte und liberalisierte, sagte Duhalde bereits vor Jahren dessen Ende voraus. Schon 1998 betonte er: "Wir können die Probleme dieses Landes nicht mit denselben Mitteln lösen, die wir 1989 genutzt haben, denn Argentinien ist jetzt nicht mehr dasselbe Land." Die Anwendung der reinen Lehre des Internationalen Währungsfonds hat seiner Meinung nach die Wirtschafts- und Finanzkrise verschärft. Heute fordert er folglich "einen Wandel des Wirtschafts- und Sozialmodells" und klingt damit durchaus populär.