Was macht so richtig Lust? Ein Spray zur Steigerung der Libido, eine Pille gegen die gestörte Erektion? Gibt es die Begierde auf Rezept? In den Forschungsstätten der Pharmafirmen nehmen derlei Visionen konkrete Gestalt an. Acht bis zehn neue Mittel zur pharmakologischen Aufrüstung der körperlichen Liebe sind in den kommenden Jahren zu erwarten, schätzt der Hamburger Urologe Hartmut Porst. In seiner Praxis testet der Professor bereits mit Patienten neue Medikamente aus den Industrielabors. Einige setzen auf verbesserte Nachahmungen des Potenzmittels Viagra - damit wollen etwa Bayer und Eli Lilly dieses Jahr dem Marktführer Pfizer Konkurrenz machen.

Andere verfolgen die Strategie, das eigentliche Lustorgan des Menschen zu stimulieren - das Gehirn. Die Pharmafirmen wollen auch Frauen beglücken, bei denen sich Viagra als unwirksam herausgestellt hat.

Bedarf an neuen Lustpillen gibt es genug. Eine US-Studie aus den neunziger Jahren zeichnet ein trauriges Bild der Sexualverfassung und wird vor allem von Industrie und Sexualforschern gern zitiert. Befragt wurden Männer und Frauen nach ihren sexuellen Befindlichkeiten. Ein Drittel der Frauen aller Altersgruppen bekundete sexuelles Desinteresse, bei den Männern waren es immerhin rund 15 Prozent. Ein Viertel der jungen Frauen gab an, Sex nicht zu genießen, gleich hoch war die Anzahl derer, die keinen Orgasmus bekommen konnten. Eine Studie der Universität Köln offenbarte, dass in Deutschland vier bis fünf Millionen Männer Probleme mit der Erektion haben. "Zwar leidet nur etwa die Hälfte wirklich darunter", relativiert Hartmut Porst, "aber behandelt werden momentan nur annähernd zehn Prozent."

Unklar bleibt, wo der Ursprung dieser Störungen zu suchen ist. "Die einen sagen, 90 Prozent aller sexuellen Störungen hätten einen psychologischen Hintergrund, die anderen sagen, 90 Prozent hätten eine organische Ursache", schildert der Sexualforscher Volkmar Sigusch von der Universität Frankfurt die Grabenkämpfe zwischen Psychologen und biologisch-organisch denkenden Urologen und Sexualmedizinern.

Der Streit beweist vor allem den Erkenntnisnotstand in der Lustforschung.

Zwar ist das physiologische Geschehen beim Sex recht gut erkundet: Sensoren in der Haut und an den Geschlechtsorganen leiten bei Berührung Impulse an die Großhirnrinde weiter, die wiederum das limbische System, das Emotions- und Belohnungszentrum im Gehirn, mobilisiert. Doch wie entsteht die Lust auf Sex, wo beginnt die Begierde, wie pflanzt sie sich fort? "Was im Hirn dann alles passiert, weiß so genau noch niemand", sagt Porst. "Wir kennen die Rezeptoren, Hormone und Botenstoffe. Wie und wann die sich gegenseitig beeinflussen, ist noch Gegenstand der Forschung."

Wie sehr das Geschehen im Kopf am Zustandekommen von Lust und Erregung beteiligt ist, wissen alle Liebenden, die schon beim Gedanken an ihr Objekt der Begierde Herzflattern verspüren. Die größten Dichter haben diese wundersame Wechselwirkung in unzähligen Varianten immer wieder umkreist, doch eine simple Erklärung oder gar eine wissenschaftliche Formel für diese Beziehung konnte bislang niemand angeben. Kein Wunder, dass die Pharmafirmen bei der Suche nach einem omnipotenten Lustverstärker im Dunkeln tappen und oft nur durch Zufall einen Treffer landen.