Gleich nach dem 11. September hat Claus Peymann Lessings Nathan ins Programm genommen - als "das Stück der Stunde". Wenn man die Anwesenheit des Außenministers und eines Exbundespräsidenten in der Premiere als ein Indiz nehmen kann, so muss man wohl sagen, dass die Sache aufgegangen ist: Das gute alte politische Theater zeigt, dass die Reflexe noch stimmen. Der Applaus war lang anhaltend, erleichtert, merkwürdig hochgestimmt.

Aber stimmen die Reflexe denn wirklich? Was kann uns die Toleranzlektion des Lessingschen Stücks heute bedeuten, da ein vom Glauben abgefallener Lehrer hierzulande per Gerichtsbeschluss das Kruzifix im Klassenraum abhängen lassen kann? Was soll uns die berühmte Ringparabel in einer Zeit, da sich ohnehin schon die "interreligiösen Dialoge" jagen? Eine Hamburger "Islam AG", in der unbehelligt der Massenmord vorbereitet werden konnte, wirft Toleranzprobleme neuer Art auf, von denen Lessing nichts ahnen und sein weiser Nathan nichts wissen konnte.

Trotzdem hatte Peymann Recht, das Stück wieder vorzunehmen. Der Nathan ist mehr als die Ringparabel. Man hat das nur vergessen, denn kaum ein Text ist wie dieser als Schullektüre nach 1945 zu Wiedergutmachungszwecken gebraucht worden. Und wohl auch missbraucht: Der gute Jude Nathan, der den Menschen Versöhnung im Zeichen aufgeklärter Vernunft bringt, diente auf den Nachkriegsbühnen in Deutschland auch als eine Art Abwehrzauberer gegen die Erinnerung an den eben erst verrauchten Hass. Wie viel Verdrängung dabei im Spiel war, zeigte dann der Skandal um Fassbinders Müll-Stück, in dem der hässliche Jude, ein wahrer Anti-Nathan, wieder mit Macht ans Licht drängte.

Peymann legt nun mit seiner vorzüglichen Truppe am Berliner Ensemble die vielen aberwitzigen und burlesken Züge des Stücks frei, die man unter dem Druck geschichtspädagogischer Absichten lange nicht hat sehen wollen und können. Das Ende, die große Versöhnungsszene, in der die unwahrscheinlichsten Verwandtschaften entdeckt werden und Juden, Muslime und Christen von Umarmung zu Umarmung taumeln, wird ein wenig zu sehr als Klamotte gegeben. Sehr viel ernster freilich hätte man sie derzeit beim besten Willen nicht spielen können.

Peter Fitz gibt einen Nathan, den zunächst scheinbar allein Welterfahrung und Erfolg zum human resignierten Skeptiker haben werden lassen. Fast sieht man ihn schon als einen, der sich seine Freigeisterei eben leisten kann und sie darum auch allen anderen aufdrängen möchte. Dann aber fährt er aus der Haut, als er des Massakers erinnert wird, dem seine Familie zum Opfer gefallen war.

Fitz gelingt es, plötzlich schreiend und tobend das Wissen um die zerstörerische Kraft des niedergekämpften Hasses kenntlich zu machen, das Nathans Versöhnungspolitik eigentlich antreibt. Veit Schubert spielt sowohl den Derwisch Al Hafi als auch den Patriarchen. Den Ersteren zeigt er als Gemütsmenschen, der vor einer gewissen Verschlagenheit nicht zurückschreckt, wenn er seinen Freund Nathan schützen kann, den Letzteren als eine Fratze der Macht und der feigen Intrige. Dieser Patriarch ist als einzige Figur richtig danebengegangen, ein antiklerikaler Popanz, der einen unschön an den Stellvertreter des Hausherrn Hochhuth erinnert.

Er wird aufgewogen durch den wunderbaren Klosterbruder des Martin Seifert, der vom Patriarchen ausgeschickt wird, den Tempelherrn zum Verrat an Saladin anzustacheln, dem jener sein Leben verdankt. Großartig, wie dieses Mönchlein dem Tempelritter die böse Logik religiöser Rechtfertigung des Verbrechens vorexerziert und doch im gleichen Zuge sie selbst entlarvt - ein Verführer zum Guten, der unter dem Schutz seiner Schlichtheit einherwandelt. Auch den Tempelherrn des Markus Meyer muss man loben, der schwer an seinem großen Schwerte schleppt: Als die Angst vor seinen Gefühlen für das Judenmädchen Recha sich in Leidenschaft für sie verwandelt, wird er aus lauter Stolz und Liebesungestüm fast doch noch zu dem Verräter, der er in Diensten des Patriarchen nicht werden wollte.