Es wirkte wie das Pfeifen Verängstigter im dunklen Wald. Im Frühjahr 2000 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU die neue Langfriststrategie für Europas Wirtschaft. Bis zum Jahr 2010, so hieß es im Kommuniqué des Lissabonner Gipfels, solle die EU zum "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt" gemacht werden - vor den Vereinigten Staaten.

Kühnes Ziel oder pure Illusion? Noch sind die USA übermächtig. Keine andere Volkswirtschaft hat einen vergleichbar großen Einfluss auf die Entwicklung der Weltwirtschaft. Die einzige verbliebene politische und militärische Supermacht gibt ökonomisch in der Globalisierung den Takt vor. Sie hat das letzte Wort darüber, was in Internationalem Währungsfonds und Weltbank geschieht. Die New York Stock Exchange ist die Leitbörse für die Welt. Selbst das Platzen der Spekulationsblase und der Absturz der Wirtschaft von den Höhen kräftiger Wachstumsraten in die Rezession haben den Glauben in die amerikanische Stärke nicht erschüttert.

Dagegen die Europäische Union: Regierungen und Ökonomen bezweifeln, dass sich Europas Konjunktur aus eigener Kraft erholt. Sie setzen ausgerechnet wieder auf die USA, deren Aufschwung dann auch Europa aus dem Tal ziehen soll. Schon seit Jahren liegen die europäischen Wachstumsraten deutlich unter denen der USA. Der Kurs des Euro bleibt, trotz gelungener Bargeldeinführung, weiter schlapp. Und immer wieder diese Entscheidungsschwäche der Politiker: Weder auf die Konjunkturflaute noch auf die Ölteuerung zuvor fanden sie eine gemeinsame Antwort. Nicht einmal auf eine einheitliche Besteuerung der Zinsen konnten sie sich bislang einigen.

Das ist zwar alles richtig, aber es ist eben nicht alles. Nicht nur Börsenspekulanten, auch Politiker, Journalisten, Manager und Wissenschaftler konzentrieren sich im Tunnelblick auf wenige aktuelle Daten: Wachstum, Produktivität, Arbeitslosenquote, Preisanstieg. Andere Fakten werden übersehen, die Momentaufnahme ersetzt die gründliche Analyse. Die Folge: Langfristige Trends werden nicht erkannt oder unterbewertet.

Japans Sieg währte kurz

Tatsächlich hat die amerikanische Wirtschaft mehr Schwachstellen, als die Kurzfristanalyse zeigt. Und die europäische Wirtschaft ist stärker, als Klagen von Unternehmern und Lobbyisten im Alltagsgeschäft vermuten lassen.

Europa könnte das in Lissabon gesetzte Ziel durchaus erreichen, und in der Weltwirtschaft bricht vielleicht ein europäisches Jahrzehnt an - so wie die Ölstaaten die siebziger, die Japaner die achtziger und die Amerikaner mit der New Economy die neunziger Jahre dominierten.