Geschlechter ohne Verkehr
Latexkultur und Formalinästhetik: Zwei Dresdener Ausstellungen fragen nach der Zukunft von Sexualität
Am Anfang war der weibliche Schoß: Ursprung menschlichen Lebens und Liebens, damit auch Ursprung von Angst vor der Begegnung mit dem Anderen. Der Versuch, diese Mächte zu bannen, ihre Ambivalenz aufzuheben, ist uralt. Neu ist die Behauptung der erfolgreichen Trennung von Liebe und Angst, der "Entkoppelung der schicksalhaften Verbindung von Sexualität und Fortpflanzung" durch naturwissenschaftliche Forschung und Technologie. Die aber ist das Credo der Ausstellung Sex - Vom Wissen und Wünschen des Dresdener Hygiene-Museums.
Was das Hygiene-Museum hier als Normalität suggeriert und dabei an Realität unterschlägt, kann man ebenfalls in Dresden, in der Ausstellung Let's Talk about Sex. Sexualität und Körperlichkeit in der Gegenwartskunst erahnen.
Gleich am Eingang des Kunst Hauses beginnt man durch Nancy Speros Bild Landscape zu verstehen, warum das Hygiene-Museum als Voraussetzung menschlicher Sexualität nicht das Wünschen, sondern nacktes Wissen setzt
dass für dieses Wissen, den suchenden Blick nach der Fruchtbarkeit, der weibliche Schoß weit geöffnet wurde und der Einsicht doch verschlossen blieb.
Landscape ist eine Fortführung von Courbets Ursprung der Welt: ein ins Farbspektrum des blauen Planeten getauchter Frauentorso, zwei gespreizte Schenkelstümpfe als Sinnbild für die fragmentierte Weiblichkeit und für die Behauptung dieser Fragmentierung als Natürlichkeit. In diesem ruinierten Frauenbild kommt die Gewalt zum Vorschein, die hinter dem Wissen im Hygiene-Museum, hinter dem Wachspräparat einer Klitoris, erst recht dem Flüssigkeitspräparat einer echten Klitoris steckt.
Scham- und Todestabu mussten gebrochen werden, ehe man zu diesem Wissen kam.
Leichen, die man möglichst frisch sezieren konnte, brauchte man zur Herstellung dieses Wissens, das Sexualität als beherrschbares, planbares Phänomen erklärt. Sexualität aber ist nicht beherrschbar, weil ihre Nähe zum Leben auch ihre Nähe zur Vergänglichkeit ist. Die amerikanische Künstlerin Naomi Fisher hat in fotografischen Inszenierungen diesen Zusammenhang in das Zusammenspiel von erotischen Posen und exotischen Pflanzen, jugendlichen Körpern und welkenden Gewächsen, Frische und morbider Schwüle übertragen.
In dieser Spannung ist Sexualität lebendig, anders als in einem Wissen von ihr, das Lust von Last zu trennen sucht und dabei den Tod einplant. Denn der Tod liegt nicht nur als Anschauungsmaterial in Spiritus dem Konzept der Trennung von Sexualität und Fortpflanzung zugrunde, sondern wurde bei der Durchsetzung dieses Konzeptes zur Methode. Das moderne Verhütungswissen, wie es in der "Praxis" - so die Bezeichnung für den entsprechenden Raum im Hygiene-Museum - populär gemacht wird, entstand (das verschweigt das Museum) in der gewaltsamen Verdrängung eines jahrtausendealten Verhütungswissens und als geplanter Tod. "Tod nach Kalender" nannte 1989 der Arzt Hans Harald Bräutigam einen Artikel in der ZEIT, in dem er die Erforschung der weiblichen Fruchtbarkeit durch Hermann Stieve, Direktor des Anatomischen Instituts der Universität Halle, beschrieb.
Eisprung vor der Hinrichtung
Diese Forschung stand im Zusammenhang der nationalsozialistischen Rassen- und Geburtenpolitik, die nach möglichst effizienten Methoden suchte, "minderwertigen Nachwuchs" zu verhindern. Die Geburtenprävention schien dafür das geeignete Mittel, wie bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur in Deutschland die gesamte Verhütungsforschung der Eugenik diente und damit der Hypothese von der Wissenschaft als "besserer" Schöpfungsmacht. Stieve versuchte den in Österreich ebenfalls an Patientinnen experimentierenden Gynäkologen Hermann Knaus und dessen Lehre von den berechenbar empfängnisfreien Tagen zu widerlegen. Um zu beweisen, dass der Eisprung im Gegenteil plötzlich und unerwartet, gebunden etwa an Schrecksituationen, eintreten kann, machte sich Stieve die Angst zum Tode verurteilter Frauen zunutze, wie die der Cato Bontjes van Beek, Mitglied der Roten Kapelle. Weil Stieve den Hinrichtungstag nach dem Menstruationskalender errechnet und auf einen nach Knaus "unfruchtbaren" Tag festgelegt hatte, konnte er bei Öffnung der ihm zur Verfügung gestellten Leichen den "unregelmäßigen" Eisprung sehen.
Und weil nach den Ursachen des plötzlichen Todes niemand fragte, schien Stieve der saubere wissenschaftliche Nachweis von der Beliebigkeit des Eisprungs und damit der Unzuverlässigkeit von Knaus' Methode gelungen.
Heute wendet man, auch dank Stieve, der nur ein Repräsentant der modernen Verhütungsforschung ist, effizientere Methoden an. Das Hygiene-Museum stellt sie vor, als hätten sie diese Geschichte nie gehabt. Als wären sie nicht aus diesem Geist entstanden, der festlegen will, was gut und schlecht, "lebenswert" und "lebensunwert" sei. "Sexuelle Selbstbestimmung" nennt man im Hygiene-Museum die Methoden dieser Forschung. In deren Logik von Machbarkeit scheint alles, wovon menschliches Leben noch immer abhängt - Männer und Frauen, Sexualität und Fortpflanzung, Vater und Mutter - fragwürdig, letztlich gleich zu sein.
Den Besuchern werden Durchleuchtungsaufnahmen des Geschlechtsaktes neben künstlichen Befruchtungsverfahren präsentiert, als ließe sich das eine durch das andere ersetzen
als sei Sexualität zu reduzieren auf einen darstellbaren Akt. Schwule Erpelpärchen stehen neben Möglichkeiten der Geschlechtsumwandlung, diese neben Cybersex und schließlich, eingereiht als Spielart von Sexualität, eine Bärenmutter mit ihren Jungen. Das Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrem Kind erscheint als Variation, nicht als Urform von Beziehungen überhaupt.
Es ist nach dem Prinzip der Trennung und Fragmentierung nur konsequent, der engsten aller Beziehungen an die Substanz zu gehen: die weibliche Gebärmutter für das Wachsen eines Kindes als überflüssig zu erklären. Die "Praxis" im Hygiene-Museum zeigt das Video eines Ziegenfötus, den man seiner Mutter aus dem Bauch geschnitten und dann in einer Wanne mit chemisch erzeugtem Fruchtwasserersatz an Schläuche geschlossen hat. Über die Nabelschnur ist der Ziegenfötus nun statt mit seiner Mutter mit einer Maschine verbunden. "Die erste Muttermaschine der Welt" hat der Erfinder dieser künstlichen Gebärmutter, der Japaner Yoshinori Kuwabara, dieses Gerät genannt, das er bald auch beim Menschen anwenden will. Der kleine Leib der Ziege windet sich so, dass er, wie man aus dem Ausstellungstext erfährt, Beruhigungsmittel bekommt, "damit er sich nicht die Schläuche abreißt".
Da diese Mittel "die Bewegung des Fötus und damit die Ausbildung und Kräftigung der Muskulatur" verhindern, kann die Ziege "nach der Trennung von den Schläuchen nicht atmen und laufen. Sie ist nicht lebensfähig." Dennoch wird behauptet, hiermit sei der Beweis erbracht, "dass eine Maschine die Stoffwechselfunktionen einer Plazenta ersetzen kann". Tag für Tag erleben Besucher, wie dieses Experiment immer wieder von vorn beginnt. Sie sehen das Grausige nicht, weil ihnen das Ende, der Tod der Ziege, vorenthalten bleibt.
Das Video zeigt, wie die Ziege unfähig gemacht wird zu leben, und suggeriert in der Endlosschleife ihre Auferstehung. So wird unter der Definitionsmacht der Reproduktionstechnologie der Tod zur Geburt der Erkenntnis, die Zerstörung zum Erkenntnisprinzip. Im selben Raum des Hygiene-Museums befindet sich ein Cybersexanzug hinter Glas. Warum dieser in die geistige Nähe der modernen Reproduktionstechnologie gehört, vermitteln vier weitere, per Mausklick direkt zu betätigende Cybersexanzüge des Norwegers Stahl Stenslie im Kunst Haus. Seine Inszenierungen, so Stenslie, verkörperten die Sexualität, die ihrer Zeugungsfähigkeit enthoben ist: Schwarze Gummianzüge hat er wie Rüstungen entworfen, alle Zonen technikgepanzert, marionettengleich an Kabeln und Drähten agierend kann sich ihr "User" selbst unter Strom setzen.
Für den "User" heißt Lust Zweckerfüllung, absolute Kontrolle. So scheinen alle Ambivalenzen von Sexualität aufgehoben, ersetzt durch künstliche Spannung. Doch die Lust läuft ins Nichts. Hier und da brummt's und vibriert es im Cybersexanzug, nicht aber unter der Haut. Das rote Herz auf dem zugehörigen Bildschirm kann geöffnet werden. Das eigene bleibt ungerührt. Die bizarren Kunstblüten des Kitsches sollen die Leere kaschieren und vergrößern sie noch.
Milly, Molly und Mandy, drei Selbstporträts der holländischen Künstlerin Madeleine Berkhemer, stehen als Pop-Up-Figuren mit Herzchenkette und Plüschpumps bereit, jeden Wunsch zu erfüllen. Die Kontrolle von Lust, die Käuflichkeit von Sexualität und der Kitsch haben ein und dasselbe leere Gesicht. Reproduzierbar soll sich Sexualität beherrschen lassen, wie die Reproduktionstechnologie das Geben von Leben beherrschen soll.
Dass die Vorstellung wissenschaftlicher Beherrschbarkeit von Sexualität jedoch am Leben vorbeigeht, haben auch die Ausstellungsorganisatoren im Hygiene-Museum gespürt. Das Andere von Sexualität darzustellen, haben sie der Kunst übertragen. Im Kunst Haus hat man glücklicherweise verstanden, dass Kunst für nichts außer sich selbst stehen kann, und hat in diesem Sinn eine ironische Antwort gefunden: Let's Talk about Sex versammelt Werke, die gerade die Unaussprechlichkeit, Nichtdarstellbarkeit von Sexualität thematisieren
die auf die permanenten Versuche anspielen, dies per Reproduktion doch zu können, und dabei nur Leere schaffen. So bleibt Sexualität im Kunst Haus etwas Lebendiges, verbunden mit der Weitergabe des Lebendigen.
"Let's Talk about Sex. Sexualität und Körperlichkeit in der Gegenwartskunst", Kunst Haus Dresden, bis 10. Februar
"Sex - Vom Wissen und Wünschen", Deutsches Hygiene-Museum, Dresden, bis 11. August, Katalog 19,80 e
- Datum 27.5.2009 - 10:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03/2002
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