Geschlechter ohne VerkehrSeite 2/2
Den Besuchern werden Durchleuchtungsaufnahmen des Geschlechtsaktes neben künstlichen Befruchtungsverfahren präsentiert, als ließe sich das eine durch das andere ersetzen
als sei Sexualität zu reduzieren auf einen darstellbaren Akt. Schwule Erpelpärchen stehen neben Möglichkeiten der Geschlechtsumwandlung, diese neben Cybersex und schließlich, eingereiht als Spielart von Sexualität, eine Bärenmutter mit ihren Jungen. Das Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrem Kind erscheint als Variation, nicht als Urform von Beziehungen überhaupt.
Es ist nach dem Prinzip der Trennung und Fragmentierung nur konsequent, der engsten aller Beziehungen an die Substanz zu gehen: die weibliche Gebärmutter für das Wachsen eines Kindes als überflüssig zu erklären. Die "Praxis" im Hygiene-Museum zeigt das Video eines Ziegenfötus, den man seiner Mutter aus dem Bauch geschnitten und dann in einer Wanne mit chemisch erzeugtem Fruchtwasserersatz an Schläuche geschlossen hat. Über die Nabelschnur ist der Ziegenfötus nun statt mit seiner Mutter mit einer Maschine verbunden. "Die erste Muttermaschine der Welt" hat der Erfinder dieser künstlichen Gebärmutter, der Japaner Yoshinori Kuwabara, dieses Gerät genannt, das er bald auch beim Menschen anwenden will. Der kleine Leib der Ziege windet sich so, dass er, wie man aus dem Ausstellungstext erfährt, Beruhigungsmittel bekommt, "damit er sich nicht die Schläuche abreißt".
Da diese Mittel "die Bewegung des Fötus und damit die Ausbildung und Kräftigung der Muskulatur" verhindern, kann die Ziege "nach der Trennung von den Schläuchen nicht atmen und laufen. Sie ist nicht lebensfähig." Dennoch wird behauptet, hiermit sei der Beweis erbracht, "dass eine Maschine die Stoffwechselfunktionen einer Plazenta ersetzen kann". Tag für Tag erleben Besucher, wie dieses Experiment immer wieder von vorn beginnt. Sie sehen das Grausige nicht, weil ihnen das Ende, der Tod der Ziege, vorenthalten bleibt.
Das Video zeigt, wie die Ziege unfähig gemacht wird zu leben, und suggeriert in der Endlosschleife ihre Auferstehung. So wird unter der Definitionsmacht der Reproduktionstechnologie der Tod zur Geburt der Erkenntnis, die Zerstörung zum Erkenntnisprinzip. Im selben Raum des Hygiene-Museums befindet sich ein Cybersexanzug hinter Glas. Warum dieser in die geistige Nähe der modernen Reproduktionstechnologie gehört, vermitteln vier weitere, per Mausklick direkt zu betätigende Cybersexanzüge des Norwegers Stahl Stenslie im Kunst Haus. Seine Inszenierungen, so Stenslie, verkörperten die Sexualität, die ihrer Zeugungsfähigkeit enthoben ist: Schwarze Gummianzüge hat er wie Rüstungen entworfen, alle Zonen technikgepanzert, marionettengleich an Kabeln und Drähten agierend kann sich ihr "User" selbst unter Strom setzen.
Für den "User" heißt Lust Zweckerfüllung, absolute Kontrolle. So scheinen alle Ambivalenzen von Sexualität aufgehoben, ersetzt durch künstliche Spannung. Doch die Lust läuft ins Nichts. Hier und da brummt's und vibriert es im Cybersexanzug, nicht aber unter der Haut. Das rote Herz auf dem zugehörigen Bildschirm kann geöffnet werden. Das eigene bleibt ungerührt. Die bizarren Kunstblüten des Kitsches sollen die Leere kaschieren und vergrößern sie noch.
Milly, Molly und Mandy, drei Selbstporträts der holländischen Künstlerin Madeleine Berkhemer, stehen als Pop-Up-Figuren mit Herzchenkette und Plüschpumps bereit, jeden Wunsch zu erfüllen. Die Kontrolle von Lust, die Käuflichkeit von Sexualität und der Kitsch haben ein und dasselbe leere Gesicht. Reproduzierbar soll sich Sexualität beherrschen lassen, wie die Reproduktionstechnologie das Geben von Leben beherrschen soll.
Dass die Vorstellung wissenschaftlicher Beherrschbarkeit von Sexualität jedoch am Leben vorbeigeht, haben auch die Ausstellungsorganisatoren im Hygiene-Museum gespürt. Das Andere von Sexualität darzustellen, haben sie der Kunst übertragen. Im Kunst Haus hat man glücklicherweise verstanden, dass Kunst für nichts außer sich selbst stehen kann, und hat in diesem Sinn eine ironische Antwort gefunden: Let's Talk about Sex versammelt Werke, die gerade die Unaussprechlichkeit, Nichtdarstellbarkeit von Sexualität thematisieren
die auf die permanenten Versuche anspielen, dies per Reproduktion doch zu können, und dabei nur Leere schaffen. So bleibt Sexualität im Kunst Haus etwas Lebendiges, verbunden mit der Weitergabe des Lebendigen.
"Let's Talk about Sex. Sexualität und Körperlichkeit in der Gegenwartskunst", Kunst Haus Dresden, bis 10. Februar
"Sex - Vom Wissen und Wünschen", Deutsches Hygiene-Museum, Dresden, bis 11. August, Katalog 19,80 e
- Datum 27.05.2009 - 11:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2002
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