Als die Direktion des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe jüngst im Kreise von Vertretern des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen die Möglichkeiten diskutieren wollte, Mittel für das Haus durch den Verkauf aus dem eigenen Depot flottzumachen, gab es einen einhelligen Aufschrei. "Ein absolutes Tabuthema", bedauert der Geschäftsführer Siegfried Sander.

In den USA erlaubt es die Organisationsform der privaten Stiftungen und das damit verbundene andere Verständnis von Wirtschaftlicheit den Museen, regelmäßig "auszumisten" und Bestände zu verkaufen. Seit Dezember 2001 erlaubt auch eine Gesetzesänderung den französischen Museen, Objekte aus ihrem Besitz zu veräußern, mit Auflagen. Zustimmen muss in jedem Einzelfall ein noch zu benennender Expertenrat. Kontrovers, wenn nicht mit Entrüstung wird die Gesetzesnovelle dort seitdem öffentlich diskutiert: der mögliche und legalisierte Verkauf, so die Gegner, öffne dem Ausverkauf nationalen Erbes Tür und Tor. Hierzulande werden solche Überlegungen wie die des Museums für Kunst und Gewerbe, das wie alle anderen staatlichen Häuser der Hansestadt vor zwei Jahren in Stiftungen öffentlichen Rechts überführt wurde, gleich als "Bildersturm" oder "Sündenfall" gegeißelt.

Dabei geht es dem Museum überhaupt nicht darum, etwas zu verschleudern. Aber die ständige "Mängelverwaltung" mit den hochgradig gefährdenden Lagerbedingungen für antike Möbel (im Wert von Millionen) auf dem unklimatisierten Dachboden führten zur Durchsicht der Bestände und der Frage, wovon man sich trennen könne, ohne das Profil des Hauses zu beeinträchtigen.

Dabei stieß man auf drei afrikanische Skulpturen aus Nigeria, die nicht in das Konzept des Hauses passen. Eine Schätzung von Christie's lag bei einem Minimum von vier Millionen Mark. Bei der Bürgerschaft, die bei Verkäufen der ehemals staatlichen Sammlungsbestände zustimmen muss, wurde das Vorhaben abgelehnt.

Auch wenn es bei deutschen und europäischen Museen durchaus Usus ist, grafische Doubletten zu verkaufen wie beispielsweise im Rembrandthuis, der Eremitage, dem Britischen Museum (ZEIT Nr. 51/01) oder zu tauschen, wie bei der Kunsthalle Bremen, so ist ihr Direktor Wulf Herzogenrath aus Prinzip strikt gegen Verkäufe aus Museumsbestand. "Wenn das von mir verlangt wird, gehe ich." Das wäre in Bremen theoretisch sogar noch leichter machbar als in den staatlichen Häusern, weil der vor mehr als 175 Jahren gegründete Bremer Musentempel vom dortigen privaten Kunstverein getragen wird.

Für "gefährlich" hält Herzogenrath die Überlegungen zu dem Thema aus mehreren Gründen: "Erstens würde man aus der momentanen Bewertung heraus garantiert immer das Falsche verkaufen, vor 40 Jahren etwa den Jugenstil. Zweitens verprellt und verunsichert man die Stifter, die über ihre Besitztümer in Zukunft folglich anderweitig verfügen könnten." Drittens befürchtet er, dass sich so ein politisches Argumentationsfeld auftut, auf dem kulturelles Erbe gegen ganz andere Bedürfnisse ausgespielt werden könnte wie zum Beispiel dem der Energieversorgung.

Als die Stadt Lüttich sich 1990 Pleite meldete, weder Feuerwehr noch das Krankenhauspersonal bezahlen konnte, wollte sie den einzigen in belgischem öffentlichen Besitz befindlichen Picasso opfern. Die damaligen Marktpreise für Die Familie Soler versprachen zwischen 50 und 70 Millionen Mark. Im Den Haager Gemeentemuseum betrieb zur gleichen Zeit der damalige Direktor Rudi Fuchs den Verkauf zweier Werke von Picasso, um dafür Zeitgenossen wie Markus Lüpertz, Arnulf Rainer und Jan Dibbets anzuschaffen. Beide Vorhaben scheiterten an öffentlichen Protesten. Aber die Stadt Bonn verkaufte im vergangenen Jahr ein Gemälde von Georg Baselitz im Wert von 400 000 Mark aus dem Kunstmuseum Bonn, um einen Teil der Schulden der defizitären Zeitwenden-Schau aufzufangen. Und auch das Osthaus-Museum in Hagen gab relativ unbeachtet 1999 ein Seestück von 1970 von Gerhard Richter bei Sotheby's zur Auktion. Abzüglich der Gebühren brachte das dem Haus 4,3 Millionen Mark und jede Menge Ärger - der in Hagen lebende Emil Schumacher stellte seine Stiftung infrage. Dem inzwischen verstorbenen Maler baut die Stadt nun ein eigenes Haus und steuert dazu rund 10 Millionen Euro bei.