Das Wichtigste bei einer Existenzgründung ist die Begeisterung für die eigene Idee. Davon ist Conrad Bölicke überzeugt. Er ist selbst ein erfolgreicher Unternehmer. Mit dem Handel von Olivenöl setzt er 1,25 Millionen Euro im Jahr um. Er will auch anderen den Mut zur Selbstständigkeit machen, deshalb bietet er Seminare in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung an. Jeder Mensch - so ist er überzeugt - trage die Sehnsucht in sich, sich auszudrücken, sein Umfeld zu gestalten. Doch zwischen der Idee und ihrer Umsetzung liege oft eine unüberbrückbare Kluft: die Angst vor Eigenverantwortung und Risiko, der Tausende von guten Ideen zum Opfer fielen. "Das größte Hindernis bei der Realisierung von Ideen ist unsere Angestelltenmentalität", nennt das Conrad Bölicke.

"Ökonomische Alphabetisierung" ist sein Rezept dagegen. In erster Linie will er Blockaden gegenüber wirtschaftlichem Denken abbauen und aufzeigen, dass Ökonomie nützlich sein kann. Klein von Statur, mit prägnanter Nase und wachen Augen, wirkt er vor allem durch seine überzeugende Art zu reden. In einem selten versiegenden Sprachfluss vermittelt er Vorstellungen von den ethischen Standards einer Gesellschaft, die in der Ökonomie ihr höchstes Ziel gefunden hat.

In seinen Seminaren sitzen viele Teilnehmer aus der Ökoszene. "Die meisten Alternativbetriebe gingen kaputt, weil die Leute ihre ganze Kreativität in die Idee stecken. Sie haben dabei das ökonomische Denken aus ideologischen Gründen vernachlässigt oder sogar abgelehnt, anstatt es als Handwerkszeug zu sehen", sagt er. Solche Vorurteile will er abbauen - was ihm den Vorwurf einbrachte, ein Neoliberaler zu sein. Er will Marktprinzipien vermitteln und die Angst davor nehmen, "dass das immer nur knallhart Siemens-mäßig geht".

"Wir können die Ökonomie mit neuem Leben, mit einer neuen Philosophie füllen", glaubt Bölicke und zitiert den englischen Ökonomen John Ruskin: "Das Ende der ökonomischen Kette ist nicht der Konsum, sondern das Leben selbst, auf das alle Aktivitäten hinzielen." Und auch ein Produkt sei nur dann gut, wenn es das Leben bereichert und verschönert.

Kann Olivenöl dies leisten? Conrad Bölicke versucht, mit seinen Kunden eine sinnstiftende Gemeinschaft aufzubauen und seine Vorstellungen zu verbreiten - zum Beispiel seinen Glauben an die Kraft der Menschen, ihre Probleme eigenverantwortlich zu lösen. "Der sozialdemokratische Fürsorgeansatz ist gut gemeint, aber wir kommen damit nicht weiter", so Bölicke. "Dadurch sind Abhängigkeit und Versicherungsmentalität entstanden. Viele Menschen haben die Fähigkeit verloren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen."

Er selbst stammt aus einer Berliner Kaufmannsfamilie, wie er mit Stolz bemerkt. Sein Großvater besaß in Reinickendorf einen Industriebetrieb für technische Fette und Öle und war sein großes Vorbild als "Archetyp des ehrlichen Kaufmanns". Ebenso wie später sein Vater habe er sich immer einem persönlichen Ehrenkodex wie auch dem Gemeinwohl verpflichtet gefühlt: Von dem, was man verdient, gibt man auch etwas an die Gemeinschaft zurück.

Vom Kaufmannsenkel und -sohn hin zum selbstständigen Unternehmer war es ein weiter Weg. "Mein Vater wollte aus mir einen selbstständigen Kaufmann machen, aber gleichzeitig sollte ich mich ihm unterordnen", erklärt Bölicke. "Das hat nicht funktioniert." Er verweigerte sich dem Elternhaus uns ging mit 17 Jahren fort, mietete sich ein Dachzimmer und machte in völliger Konterkarierung der väterlichen Bemühungen eine Maurerlehre. Später holte er auf der Abendschule sein Abitur nach und studierte an der Technischen Universität Berlin. Dort mischte er sich in die Hochschulpolitik ein und vermittelte seinen Kommilitonen "die Kunst, einen Streik zu beenden, indem man konkrete, umsetzbare Forderungen stellt".