Das Gerät ist ein Trumm: holzgetäfelt, gleich zwei Reihen Tasten, ein Satz Pedale und rotierende Schallhörner für den unverwechselbar schwebenden Sound. 200 Kilogramm wiegt die Hammondorgel Typ B3 und kostet selbst gebraucht noch 10 000 Dollar. Doch Musiker mögen auf ihr wuchtiges Instrument nicht verzichten - manch einer sägt zum leichteren Transport die hölzernen Beine ab.

Vergangenes Jahr ließ Michael Kurz solch ein Orgelmonstrum in sein Hinterhofbüro bei der Berliner Musiksoftwarefirma Native Instruments wuchten.

Sechs Monate kroch der Programmierer um das Möbel herum, steckte Mikrofone in alle Ritzen, vermaß am Oszilloskop Obertöne, zerlegte Zugriegel und Zahnscheiben und verschwand immer wieder grübelnd hinter einem Computermonitor. Das Ergebnis der Mühe ist die Software B4, sie passt auf eine CD-ROM und kostet 186 Euro. Das Programm lässt sich auf jedem PC starten und orgelt dann mit angeschlossener elektronischer Klaviertastatur ebenso warm und authentisch daher wie eine B3.

Die Dekonstruktion des Fossils aus den dreißiger Jahren ist nur ein Beispiel für einen Umbruch in der Musikbranche: Software ersetzt Hardware. Der PC ist fortan das universellste aller Musikinstrumente. Kein legendärer Synthesizer wie der Prophet 5 oder Minimoog ist vor der Schrumpfung durch Programmierer sicher - zuletzt dampfte Native Instruments Yahamas DX7 ein. "Es gibt heute keinen Synthesizer mehr, den wir nicht eins zu eins umsetzen könnten", sagt Manfred Rürup, Mitgründer von Steinberg, der führenden Firma für Musiksoftware.

Und nicht nur künstliche Instrumente, auch Schlagzeuge, akustische Gitarren, ganze Streichquartette, Effektgeräte und Mischpulte sind inzwischen von der Festplatte abrufbar. Der PC liefert nicht nur Sphärenklang, er ist zugleich auch Klavier, Aufnahmestudio, Klangforschungszentrum und Klangmanipulator. Es gluckst und klimpert aus dem Wohnzimmer. Und selbst filigrane Opernstimmen, scheinbar die letzte Domäne des unverfälschten und unverfälschbaren schönen Schalls, sind inzwischen dem totalen elektronischen Zugriff ausgeliefert.

Die Verkleinerung der Hammondorgel B3 demonstriert, wie mittels der mathematischen Grundlagen der Akustik im Prinzip jede Klangquelle digital simuliert werden kann. Für jeden Ton drehen sich in der B3 gewellte Stahlscheiben. Die kreisenden Walzen induzieren in Tonabnehmern eine Wechselspannung, die verstärkt und durch Lautsprecher hörbar wird. Jeder Klang in einem elektronischen Instrument besteht aus einem Gemisch von Schwingungen. Die Form der Scheiben bestimmt die Art der Obertöne und damit die Klangfarbe. "Ich habe alle Bestandteile der B3 abstrahiert und im Computer wieder zusammengesetzt", sagt Michael Kurz.

Per Knopfdruck altern die Walzen